Brief/Letter 14: 21.02.1939 (58ab)

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Themar, 21.2.1939 

Lieber Willi! Deinen Brief Nr. 7. erhielten wir u[nd] haben uns außergewöhnlich mit gefreut, besonders mit Deiner Mitteilung, daß Du in d.[en] „Rat der Alten“ eingetreten bist. Aber Spaß beseite, vielleicht erhältst Du später irgend einen Ausbildungs- oder andern Posten, aus welchem Du Dich später ganz ernähren kannst. Wunschgemäß werden wir uns.[ere] Briefe auch nummerieren & fangen mit diesem Brief an; es ist aber leicht möglich, ja wahrscheinlich, daß wir die letzte Briefnummer nicht {immer} im Kopf behalten. Ich halte auch eine Kontrolle nicht für nötig, es kommen alle Briefe an. Nun das neuste: Am 6. März reißt Meinhard Götz ab zu Euch nach Kfar Noar. Freitag war er bei uns mit den vielen Papiere, die Du auch vor Deiner Ausreise erhieltest[;] er fragte uns manches. Er muss auch seine Kiste an Schneider-Berlin senden. Mama & mir gefällt sein Charakter ja nicht besonders. Er hat so etwas Überhebliches, Spöttisches, Rechthaberisches u.[nd] Hinterlistiges an sich. Aber ich will Dich nicht beeinflussen; vielleicht täuschen wir nur Dein Gefühl & der Umgang für die Folge mit ihm, werden Dir Deine Stellung zu ihm diktieren. Wir haben einen neuen Füllfederhalter zu 5. Mk. [= Mark] etwas gutes, „Tintenkuli“ gekauft & wollen versuchen – er versprach, vor seiner Ausreise noch einmal zu kommen – diesen Federhalter ihm mitzugeben. Hebe ihn für uns auf, oder noch besser, wenn Du ihn zu Geld machen könntest. Wenn der Füllhalter aufgeht, senden wir Dir die Gebrauchsanweisung und Garantieschein nach. Nun noch eine wichtige lange Sache: Seit Mittwoch ist Herbert in Köln. Floras Vetter [Ernst Mayer], ein reicher Zahnarzt, hat Herbert empfohlen, Massage zu erlernen, ein aussichtsreicher Beruf. Im jüd.[ischem] Krankenhaus dort hat Herbert gute Gelegenheit, nach einem 3-monatigen Kursus die Prüfung zu machen. Nach Ansicht des Lehrarztes eignet sich Herbert sehr gut dazu. Daneben hat H.[erbert] auch noch die Möglichkeit – allerdings bei 6 Monate Lerezeit1Correct: ‘Lehrzeit’, ‘Lehrezeit’ (sic), die Anfertigung orthopäd. Schuheinlagen zu erlernen. Floras Vetter, der schöne Villa u.[nd] Garten besitzt, hat Herb.[ert] seine Pension bei sich z.[ur] Verfügung gestellt. Als Herbert 3 Tage dort war, rief plötzlich Frau Schüften-Erfurt den hies.[igen] Gemeindevorstand, es können jetzt 3 junge bestimmte Leute nach Erez kommen. Herb.[ert] Gassenheimer, A.[dolf] Kahn, Herb. Müller, Lothar [Frankenber] fr. fuhren sofort nach Leipzig z.[um] Kommité. In Erez müssen sie sich allerdings selbst Arbeit suchen & ob man von dort wieder weiter wandern kann, ist fraglich. Flora wußte nicht, was tun – zu= oder abraten ist uns auch nicht möglich – & so ließ Flora durch Ferngespräch Herbert kommen, der Sonntag abend kam & morgen Mittwoch früh wieder nach Köln reist. Für d.[ie] Wanderung nach Erez sprachen Gründe für & wider. Adolf Kahn fährt mit, daß [sic] ist ja erklärlich; für einen ledigen Menschen, besonders mit erlerntem Handwerk, gibt es ja kein Besinnen. Ehepaare dagegen können nicht alle Möbel mitnehmen usw. Alle Bedingungen dagegen kann ich Dir nicht schreiben. Es sollen angeblich noch mehr Transporte später gehen. Herbert & Flora sind sehr unentschlossen, zumal auch Herbert mit meinem Jewish Aid-Komitté in London weg.[en] Zwischenwanderung in Verhandlung steht. Sie wollen sich für einen späteren Transport vormerken lassen, um sich mehrere Wanderwege offen zu halten. Herbert reizt ja die Aussicht, daß wir, – uns.[ere] ganze Familie, später alle zusammen in einem Land sein können. Dies wäre ja zu schön, – unglaublich schön, ob Ihr aber uns.[ere] Einreise nach Erez erlangen könnt, ist unsicher. Man weiß nicht das richtige & muß sich nur auf sein Gefühl verlassen. Vorläufig haben Herb.[ert] & Flora d.[as] Projekt zurückgestellt, aber nicht ganz fallen lassen. Auf alle Fragen nach späterer Aussicht z.[um] Weiterkommen, zuckt Frau Schüften nur die Schultern. Und nun Gruß, Kuß, Schluß. Herzl. Grüße Dein Papa Max Israel Müller. 

L.[ieber] Willi!
L.[ieber] Papa hat Dir schon alle Neuigkeiten geschrieben. Montag hat Martha [Müller] Hochzeit. Sie ist wegen Erkältung schon einmal verschoben worden. [Onkel] Sebald [Müller, Bruder von Max] traut. Die Fuldaer [Karoline (geb. Müller) u. Louis Goldmeier] kommen auch hierher, um Sebald zu sprechen. Frau Steffen hat noch nicht geheiratet. Wir, Papa u.[nd] ich bringen unsere Oma nun entgültig (sic)2Correct: ‘endgültig’. ganz anfang März nach Hannover ins Altersheim. Tante Malli [Nussbaum, geb. Marx, die Frau von Leo Nussbaum] hat doch eine Hypothek für die Bezahlung des Altersheim3Correct: ‘des Altersheim[e]s’ (sic) ausgesetzt, die wer weiß wann oder überhaupt einmal ausgezahlt wird, folglich müssen wir 2000 M.[ark] bezahlen, 1000 M.[ark] von Oma dazu. Herbert hat 1000 M.[ark] mit nach Hannover genommen, die hat Malli ausgegeben u[nd] uns dafür die windige Hyp.[othek] überlassen u.[nd] jetzt sind sie fort. Morgen wird ein neuer Parnes gewählt, der alte Gassenh.[eimer. Ernst Gassenheimer] will auswandern, wahrscheinlich muß Papa dran glauben, ob er will oder nicht. Albert Wolf [der Bruder von Flora, Herberts Frau] hat nun endlich diese Woche unsere Bürgschaft geschickt, aber wir haben sie ja nicht mehr nötig weil wir schon von Sweed [Herbert Sweed in California] eine solche haben, also unsere Nummer haben, aber sie liegt noch in weiter Ferne. Von l.[ieber] Oma viele Grüße. Dich selbst grüßt herzlich d.[ie] Mama. 

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Themar, 21st of February, 1939

Dear Willi! We received your letter No. 7 and we are so happy for you, especially with the news that you have entered the ‘Council of Elders’. But all jokes aside, maybe you can get some educational or some other posting, which might better reward you financially later. As wished, we will number our letters now starting with this one; but it is easily possibly, even probable, that we won’t be able to keep the last letter number in our heads correctly all the time. I don’t think any controls are actually necessary however, since all the letters seem to arrive. Now for the news: On March 6th, Meinhard Götz will travel to you at Kfar Noar. On Friday, he was at our place with all the papers, which you also received before your emigration, and he asked us many things. He also must send his box to Schneider-Berlin. Mama and I don’t like his character very much. He is a bit snobbish, condescending, opinionated and insidious. But I do not want to influence your opinion: maybe we are just deceiving your feeling4This is also phrased a bit weird in the German original and your interaction with him will shape your position towards him. We have bought a new fountain pen, something good, for 5 Mark – model ‘Tintenkuli’5This litera lly means ‘ink ball pen’ – and will try to give it to him, so he can bring it to you (before his emigration, he promised to come to us once more). Keep it for us or better: sell it. If he brings the fountain pen with him, we will send you the manual and guarantee. Another longer important thing: Since Wednesday, Herbert is in Cologne. Flora’s cousin [Ernst Mayer], a rich dentist, recommended that Herbert learn massage. a promising profession. In the Jewish Hospital there, Herbert has a good opportunity to obtain a certificate after a course of three months. According to the teaching doctor, Herbert is very well suited for it. Apart from that, Herbert has the possibility (albeit with six months of apprenticeship) to learn how to make orthopaedic insoles. Flora’s cousin, who owns a beautiful villa with a garden, has provided Herbert with the guest house. When Herbert was there for three days, Mrs. Schüften from Erfurt was suddenly calling the congregation board here, that three certain people could go to Erez. Herbert Gassenheimer, W. Kahn and H. Müller immediately drove to Leipzig to the Committee. They must search for a job in Erez themselves, though and it is unclear, whether you can further emigrate from there to another place. Flora didn’t know what to do (to recommend or to dissuade is also impossible for us) and so Flora got Herbert on a long-distance call, who came on Sunday evening and  will journey to Cologne again on Wednesday. There were facts speaking for and against the emigration to Erez. Adolf Kahn is going, which is understandable; for a single man, especially for a craftsman, there is no question about it. Married couples though cannot take all their furniture etc. I cannot write to you all the terms concerning this. Allegedly, there will be more transports [to Erez] later. Herbert and Flora are very undecided, especially, since Herbert is in negotiation with the Jewish Aid Committee in London about two-step emigration. They want to reserve a later transport, to keep multiple destinations open for themselves. Herbert likes the idea that we, the whole family, could eventually be all together in the same country. This would be all too nice, unbelievably nice, but whether you can obtain our immigration to Erez is uncertain. One doesn’t know what’s right and must completely trust his feeling. For now, Herbert and Flora have postponed the project without abandoning it completely. As answer to all the questions regarding the possibility of a later onward movement, Mrs. Schülten is just shrugging her shoulders. And now, greetings, kiss and finish.6This rhymes in German. Cordial greetings, your father Max Israel Müller.

Dear Willi! 

Dear father has already written you all the news. On Monday, Martha has her wedding. Which had already been postponed once due to a cold. Uncle Sebald is administering the wedding. The people from Fulda also come here to talk to Sebald. Mrs.7‘Frau’ would usually refer, in this time, only to a married woman. It is unclear, why she doesn’t write ‘Fräulein’ here. Steffen is not yet married. We, father and I, will finally bring our grandma to the nursing home in Hannover right at the beginning of March. Aunt Malli has put on a mortgage to pay for the nursing home which will be paid out who knows when, if at all. Thus, we must pay 2000 Mark, with 1000 Mark from Grandma on top. Herbert has taken 1000 Mark to Hannover, which Malli has spent. In return, she has given us the questionable Mortgage and now they are gone. Tomorrow, a new Parnes is elected and old Gassenh.[eimer?/auer?] wants to emigrate. Probably father must bite the dust, whether he wants it or not.8This seems to be a rather unpopular office to hold Finally, Albert Wolf has sent our surety to us this week, but we don’t need it anymore, since we already have one from Sefalu9Unfortunately, I do not know what this abbreviation means. It should refer to a name.., so they have our number, but it still very far. Many greetings from dear Grandma. Your mother greets you. 

Notes:
1. The son Menachene (Meinhardt) Götz, born on 9 June 1923 in Schleusingen, moved to Frankfurt am Main on 26 April 1937, returned to Schleusingen on 30 August 1937, emigrated to Palestine on 6 March 1938 and from there to the USA. See Kerstin Möhring, „The Götz family,“ Jews in Schleusingen.

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