Reichspogromnacht 1938 — was ist in Themar passiert?

Zum dritten Mal sind die Themararen zusammen gekommen, um an die Nacht von 9.-10. November 1938 — vor 72 Jahren — zu erinnern. Barbara u. Arnd Morgenroth, die sich seit zwei Jahren intensiv mit der Geschichte der Themarer Juden befasst sind und dies in der Ausstellung, Sie Waren Themarer, dokumentiert haben, luden die Berlinerin, Julia de Boor, zum „Zwiegespräch“ ein. Morgens war sie an der Anne Frank Regelschule und abends war sie im Amsthaus, wo es “kaum ein freier Platz gab,“ hat Wolfgang Swietek im Freies Wort am 10.11.2010 geschrieben.

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Ausstellung Amtshaus Themar den 9.Nov 2008. Credit: Barbara Morgenroth, Themar

„Ich bin in Themar aufgewachsen,“ sagte Arnd Morgenroth, „aber ich habe als Kind oder Jugendlicher nie etwas von den Geschehnissen erfahren, die sich auch hier abgespielt haben.“ Besonders habe ihn befremdet, als vor einigen Jahren der Turmknopf der Stadtkirche geöffnet worden war und sich in den Dokumenten nicht die geringste Erwähnung der Geschehnisse vom 9.November 1938 befand. „Im Jahr 1925 war der Turmknopf geöffnet worden und dann erst wieder 1952. Da hätte doch 1952 ein Bericht der dramatischen Geschehnisse von 1938 beigefügt werden müssen.“ Seitdem engagieren sich Barbara und Arnd Morgenroth in besonderem Maße, dass die Erinnerungen an die Juden von Themar wachgehalten werden.

Den Schülerinnen und Schülern der Klassen 8-10 zitierte Arnd Morgenroth aus einem Augenzeugenbericht: “Gleich gegenüber der Anne-Frank-Schule wurden in einer Gaststätte am 8. November die ersten Juden von Themar verprügelt. Als andere ihnen zu Hilfe kommen wollten, wurden sie von SA-Männern — ebenfalls Mitbürger von Themar! — angefahren: ‘Das ist eine Judenaktion. Haut ab, sonst machen wir bei euch weiter.’ Dann wurden die Juden im Amtshaus festgesetzt, am nächsten Tag auf dem Markt zusammengetrieben und mit Zaunlatten attackiert, ehe sie nach Buchenwald abtransportiert wurden. Dass dieses wohl finsterste Kapitel deutscher Geschichte nie vergessen werde, auch dazu sollen die Veranstaltungen am 9. November beitragen.”

Im November 1938 gab es noch 21 jüdische Männer in Themar (siehe Liste unten). In der Nacht vom 9.-10. November wurden achtzehn von ihnen verhaftet und nach Buchenwald verschleppt.  Ernst Gassenheimer (geb.1870) lag im Krankenhaus, Adalbert Stern (geb. 1917) konnte sich verbergen, und wo Arthur Neuhaus war, wissen wir nicht.

Unter den achtzehn Männern befanden sich Max Müller II (geb. 1884) und sein ältester Sohn Herbert, damals 24 Jahre alt. Fünfzig Jahre später, in einer Rede vor seiner Synagoge in Jamaica, New York, erinnerte sich Herbert an die Erfahrungen in jener Nacht.

„Am oder um den 7. November 1938, war ein Mitglied des deutschen Auswärtigen Dienstes, Ernst von Rath, von einem jungen jüdischen Mann erschossen worden. Wir wussten, das würde Folgen haben. Wir wurden gewarnt und aufgefordert, so viel wie möglich zu unternehmen. Gleich haben wir also am 7ten November die Sifre Torahs und Bücher aus der Synagoge entfernt und sie im Garten hinter der Synagoge begraben.

In der Nacht vom 9.-10. November um etwa 02.30 Uhr wurden wir vom Lärm berstender Fenster und Türen geweckt. Ein halbes Dutzend Sturmtrupps traten ein und sagten mir: ‚Sie sind verhaftet! Anziehen! Mitkommen!’ Am 10. November 1938 wurden wir auf Lastwagen nach Buchenwald verschleppt, ohne Nahrung oder Wasser. Es gab keinen Kontakt zu unseren Familien. Bis zum nächsten Tag wusste Flora [Herberts Frau] nicht, ob nur ich verhaftet wurde oder ob alle Männer in der Gemeinde verhaftet waren. Ich war Schutzhaeftling #20974/Block 50.“

Sowohl Max Müller II als auch Herbert Müller kehrten aus Buchenwald zurück, ebenso wie 15 andere — Moritz Levinstein aber, der geliebte Lehrer von Themar, hat das nicht überlebt. Nach der Reichspogromnacht war allen klar, welche Absichten die Nazis hatten. Die jüdischen Familien in Themar machten Pläne, wie sie Deutschland so schnell wie möglich verlassen konnten. Es gelang Herbert Müller und seiner Frau, Flora Müller geb. Wolf, und seiner Schwiegermutter, Frieda Wolf, geb. Mayer, zu entkommen. Im Frühling 1941 reisten sie nach Berlin und anschließend in einem versiegelten Zug nach Lissabon und in die Vereinigten Staaten. Sie waren die letzten von der Familie Müller die fliehen konnten — Herberts jüngere Brüder waren schon in Schweden und in Palästina. Aber ihre Eltern, Klara Müller (geb. Nussbaum) und Max Müller II konnten Deutschland nicht verlassen und wurden am 10. Mai 1942 in das Ghetto Belzyce deportiert und dort ermordet.

Of the 21 Jewish men in November 1938, eight emigrated, one was rearrested and sent to Buchenwald where he died soon thereafter. Twelve were deported and murdered.

,Kristallnacht‘ und die jüdische Männer von Themar


Name Alter Schicksal nach Kristallnacht
Familien Vorname Tod in Holocaust Emigration
1. Bachmann Max 69 1941 Buchenwald
2. Frankenberg Lothar 41 1939 USA/Canada
3. Gassenheimer Ernst 67 1942 Riga
4. Gassenheimer Herbert 40 1939 England/USA
5. Grünbaum Hugo 70 1942 Theresienstadt
6. Kahn Adolf 36 1943 Auschwitz
7. Kahn Herbert 38 1943 Auschwitz
8. Katz Fritz 26 USA
9. Levinstein Moritz 54 1938 Buchenwald
10. Müller Herbert 35 1941 USA
11. Müller Max I 65 1942 Theresienstadt
12. Müller Max II 54 1943 Belzyce Ghetto
13. Neuhaus Arthur 38 1942 Belzyce Ghetto
14. Plaut Arthur 37 1939 England/USA
15. Rosenberg Julius 33 1943 Auschwitz
16. Rosenberg Markus 52 1943 Theresienstadt
17. Sachs Moritz 70 1939 Shanghai/USA
18. Sander Louis 49 1939 Shanghai/USA
19. Sander Norbert 18 1941 Hadamar
20. Steindler Max 45 1942 Minsk
21. Stern Adalbert 19 1939 England/Australia