1938 Brief/Postkarte 3

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Clara u. Max Müller, Themar, an Willi Müller, Palästina [Dezember 1938]

Lieber Willi!
Deinen Brief vom 18.12. haben wir erhalten, anscheinend kommt alles schön der Reihe nach hier an und geht nicht verloren u. werden nicht aufgemacht. Wenn Du ihn erhalten hast, bestätige uns auch. Den letzten [?] waren wir zum Kaffee bei Müllers [Max Müller, geb 1873 u. seine Frau Frieda, geb. Freudenberg], denn der Maxl [Max Steindler] hat sich mit der Martha [Müller, die Tochter von Max u. Frieda] verlobt. Beide bekommen von den englischen Verwandten ausländisches Geld gestellt. Unsere Bürgschaften sind immer noch nicht da, ich weiss noch nicht einmal ob sie schon unterwegs sind. Letzte Woche war ich in Hersfeld um Omas [Bertha Stern Nussbaum] Sachen zu packen, damit sie in Ordnung sind, wenn Oma ja ins Altersheim kommt. Wegen des hohen Schnees der überall liegt u. des Weihnachtsverkehrs hatten die Züge grosse Verspätungen. In Hersf[eld] am Hanfsack wohnen jetzt Speiers aus Rothenburg, weil sie nur noch wenig Möbel haben. Heute kommt Bertha [Nussbaum, geb. Oppenheim] aus dem Krankenhaus heim, sie wollen dann zusammen eine Wohnung in Frankfurt mieten. Das Hersf. Haus soll dieser Tage verkauft werden, da ein sanfter Druck ausgübt wird. Siegfried [Nussbaum, der Sohn von Bertha] ist seit einigen Wochen verheiratet u. wird bald auswandern. Wo die Hersf. Synagoge stand, ist jetzt ein freier Platz. Rosengartens sind immer noch da. Nun möchten sie gern den Erich bei der Jugend Allijah anmelden. Es tut mir so leid dass ich Dir gar keinen Antwortschein mehr schicken kann. Gestern hörte ich (hoffentlich ist es kein Irrtum), dass man auch keine Pfundpäckchen mehr schicken könnte, so habe ich schnell ein noch hier habendes Hemd u. ein biszchen Schokolade eingepackt. Wenn Du das Hemd jetzt nicht brauchst, hebe es Dir für später auf, da ich Dir dann nichts mehr geben kann. Hat Eure Chanukafeier geklappt? Da der l. Papa noch schreiben will, so sende ich Dir nur noch herzl. Grüsse, Deine Dichl. Mama

Lieber Willi!
Auch viele Grüsse von mir. Wir sandten Dir vor etwa 14 Tagen einen Brief und 3 Tage später einen Umschlag. Bestätige uns bitte diesen nach Erhalt. Hast Du Deine Uhr erhalten? Sie war nicht im Pfundpäckchen, sondern in einem Paket mit Valutaerklärung. Dieses Paket enthielt u. a. die etwas abgeschabte u. gut reparierte Knickerb[ocker]hose zu Deinem klein-braun-karierten Werktagsanzug, ein Hemd u. 1 P. Strümpfe. Gib uns im nächsten Brief an, ob das Paket doch noch ankam. Der Verlust Deiner Uhr wäre höchst bedauerlich. Wir würden Dir in diesem Fall eine andere besorgen, leider werden aber angeblich keine Pakete ins Ausland befördert, wahrscheinlich auch keine Päckchen mehr. Es gibt auch keine Antwortscheine mehr. Deshalb sei mit allem, mit jedem Pfennig sparsam. Wie gern würden wir Dir und Meinhold so viel als möglich senden, bevor wir ganz mittellos sind, aber es geht nicht mehr. Es kommen fortwährend neue Verfügungen. Du glaubst nicht, wie die deutschen Juden sehnsüchtig, wenn auch mittellos, nach Auswanderung lechzen alle sind darin machtlos. Über alle Gesetze kann ich nicht schreiben. Herbert u. Flora bemühen sich zur Einwanderung nach Trinidad oder Guatemala, da ihnen die Einwanderung nach USA zu lange dauert. Aber es ist nichts zu machen. Wir Juden sehen mit gross. Sorge in die Zukunft. Auf Deine Frage teile ich Dir mit, dass wir noch keinen Brief von Dir geöffnet fanden. Heute abend meldete d. Radio Zusammenstösse zwischen Haifa u. Jerusalem zwisch. englischem Militär u. Arabern. Habt Ihr etwas davon gehört? Sonst weiss ich nichts neues mehr. Vorgestern hab[en] wir oft an D. Geburtstag [den 29 Dezember 1922] gedacht. Jedenfalls ist er sang- & klanglos verlaufen. Liebe Grüsse Dein Papa

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