23.09.2025
Wolfgang Swietek
Ein spannender Abend im Amtshaus von Themar. Thema: Blick in die Geschichte der jüdischen Familien von Themar am Ende des Zweiten Weltkrieges.






Auch nach 80 Jahren ist es nicht vergessen, welche Schicksale sich einst in dem Werrastädtchen zugetragen haben. Familien, die über mehrere Generationen hier gelebt haben, und das im besten Verhältnis zu den deutschen Mitbürgern, waren mit Beginn der Naziherrschaft verfemt. Sie wurden als Juden diskriminiert, verfolgt und in die Vernichtungslager deportiert, was für viele den sicheren Tod bedeutete. Nur wenigen gelang die Flucht ins Ausland, nur wenige konnten sich in der Schweiz, in England oder in Amerika eine neue Existenz aufbauen.
Seit vielen Jahren bemühen sich die Vereinsmitglieder von „Themar trifft Europa“, diese – wenn auch unrühmliche – Geschichte der Stadt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Themar gehörte auch zu den ersten Städten, in denen zur Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger Stolpersteine verlegt wurden.
Doktorin reist aus Kanada an
Unterstützung bei ihren Forschungen erhielten sie von Dr. Sharon Meen vom Holocaust Centre in Vancouver, die bereits mehrfach nach Themar gekommen war. Im Jahr 2013 hatte sie für ihre Forschungen zur Geschichte der jüdischen Mitbürger von Themar den Titel Ehrenbürgerin erhalten. Auch zu dem erneuten Treffen im Amtshaus Themar hatte sie die weite Reise angetreten.
Viele Kapitel sind in der Aufarbeitung der Geschichte der ehemaligen jüdischen Mitbürger von Themar geschrieben worden. Auf etwa 205 wird die Zahl derer geschätzt, die wegen des Euthanasieprogramms der Faschisten die Stadt verlassen mussten. In der Schweiz und in Italien, in Palästina und in Dänemark, in England und den USA haben sie eine zweite Heimat gefunden.
Familienzusammenführungen in Themar
Dank der Initiative von Barbara Morgenroth, dem ehemaligen Bürgermeister von Themar Hubert Böse, von Sabine Müller vom Verein „Themar trifft Europa“ und weiteren Themarern hatte es etliche Veranstaltungen und Initiativen gegeben. Immer wieder hatten sie Kontakt zu den ehemaligen Mitbürgern von Themar, so sie deren Adressen ausfindig gemacht hatten, aufgenommen und sie nach Themar eingeladen. Kurios dabei: Mitunter hatten sich Familienmitglieder oder deren Nachfahren, die heute in vielen Ländern der ganzen Welt leben und nach ihrer Flucht damals jeglichen Kontakt untereinander verloren hatten, erst hier in Themar wieder kennengelernt. So zum Beispiel Angehörige der Familie Gassenheimer. Weitere neue Erkenntnisse wurden bei der jüngsten Veranstaltung im Amtshaus Themar von Sharon Meen vorgetragen.
Viel Zeit nahm sich an diesem Abend Poul Salomon Müller, der 1958 in Dänemark geboren wurde und noch heute dort lebt, die Geschichte seines Vaters Julius Müller zu erzählen:
Am 2. April 1919 wurde er in Themar geboren, musste die Stadt aber wegen seiner jüdischen Herkunft verlassen. Nicht allen aus der Familie war die Flucht gelungen, manche sind in eines der Konzentrationslager gekommen und dort ermordet worden. Gewohnt hatte die Familie seines Vaters in der Bahnhofstraße in Themar. Doch Poul Salomon Müller verstand es, nicht ausnahmslos eine dramatische Geschichte zu erzählen. Eher im Plauderton schilderte er seinen Vater als einen liebenswerten Menschen. Der – wenn es schon die ganze Woche über kein Bier gab – darauf bestand, jeden Sonntag ein Glas Bier zu bekommen. Schon als kleiner Junge war er einmal beim Rauchen erwischt worden. Als Strafe musste er dann zu Hause eine Zigarre rauchen. Das hat ihn ein für alle Mal davon geheilt – er hat nie wieder zum Tabak gegriffen. Er besuchte später das Gymnasium mit der Absicht, einmal Arzt zu werden. Doch er wurde 1933 vom Gymnasium ausgeschlossen – der Innenminister von Thüringen (übrigens der erste Minister mit einer Mitgliedschaft in der NSDAP) duldete keine Juden auf dem Gymnasium. Ohnehin durften diese nicht am Religionsunterricht teilnehmen, mussten diese Stunden auf dem Schulhof verbringen.
Julius traf auf anständige Dänen
Später wurde die Familie Müller aus ihrem Haus in der Bahnhofstraße Themar vertrieben. Makaber dabei: Man wollte sie zwingen, ihre eigene Wohnung zu kaufen, was ihnen jedoch nicht möglich war. Am 4. November 1942 wurde Julius Müller die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Während einige Verwandte der Familie in den Todeslagern der Nazis ermordet wurden, gelang Julius Müller die Flucht nach Dänemark. Dort waren sie zum Glück auf einige anständige Dänen gestoßen, wie der Vater später seinem Sohn Poul Salomon erzählte. „Die Leute haben für die Arbeit mehr bezahlt als sie eigentlich gedurft hätten, erlaubt war lediglich für die deutschen Flüchtlinge für Essen und Trinken zu sorgen. Mein Vater lebte damals in der Nähe eines deutschen Militärstützpunktes“, erzählt Poul weiter, „die deutschen Soldaten wussten zwar von der geflüchteten deutschen (jüdischen) Familie, doch sie haben weggeschaut. Es waren eben nicht alle Deutschen so.“ Der Vater hatte später dann sogar die dänische Staatsbürgerschaft erhalten. Applaus erhielt Poul Salomon Müller, als er erfreut verkündete: „In diesem Jahr bin ich wieder als Deutscher eingebürgert worden!“
Eine Nachricht hatte Sharon Meen am Ende des Abends noch: Am 5. März des kommenden Jahres werden um 9 Uhr weitere Stolpersteine zur Erinnerung an ehemalige jüdische Mitbürger von Themar verlegt. Möglich wird dies – wie schon die weit über 60 bisherigen Stolpersteine – vor allem durch Spenden.

