„Warum sagt Nazis eigentlich niemand die Meinung?“

31.08.2018
Jens Wenzel

Politiker auf Sommertour haben in der Regel wenig Zeit. Immerhin: Themar war der Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) am Donnerstag einen Kurzbesuch wert.

Thüringen: Warum sagt Nazis eigentlich niemand die Meinung?
Blumen für Holocaust-Opfer: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey legt eine Rose an „Stolpersteinen“ in Themar nieder. Diese erinnern an eine jüdische Familie, die hier wohnte, bevor die Menschen in Konzentrationslager deportiert wurden. Foto: Michael Reichel/dpa Quelle: Unbekannt

Zwischen zwei lobenswerten Kinderbetreuungs-Projekten in Hessen und Bayern geht es in Südthüringen um Zivilcourage. Etwas tun für den Erhalt der Demokratie. Und doch macht dieser Besuch von Franziska Giffey nicht den Eindruck, dass hier in Themar nur mal eben ein Pflichtprogramm abgearbeitet wird. Die Bundesfamilienministerin von der SPD ist auf Sommertour und ist interessiert. Sie hat beispielsweise darauf bestanden, im Blumenladen von Janet Hofmann die weißen Rosen höchstselbst abzuholen, die sie kurz darauf zusammen mit Thüringens Ministern für Inneres und Bildung, Georg Maier (SPD) und Helmut Holter (Linke), an den erst am Vortag verlegten „Stolpersteinen“ niederlegen wird. So ist auch das Gespräch im Blumenladen willkommene Gelegenheit, etwas über die Menschen hier und ihre Sorgen zu erfahren.

Als Bürgermeister Hubert Böse berichtet, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass sich die Stadt so intensiv mit ihren jüdischen ehemaligen Einwohnern auseinandersetzt, fragt die Ministerin nach und erfährt beispielsweise, dass eine Enkelin der Familie, die früher in dem Haus wohnte und deportiert wurde, gerade erst wieder hier war. Extra angereist aus New York nach Themar. Und dass es eine kanadische Historikerin ist, die hier forscht. Zu Toleranz und Weltoffenheit gehöre es eben auch, zu wissen, was in der Zeit des Nationalsozialismus geschah.

Wie geht man damit um?

Dass der schon länger geplante Besuch der Ministerin in Themar ausgerechnet in die bundesweite Diskussion um die rechten Aufmärsche und Krawalle von Chemnitz kommt, ist reiner Zufall. Aber auch für die im Tross aus Berlin mit angereisten Journalisten kommt die Begegnung mit den engagierten Bürgern aus Themar und Umgebung aus dem „Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra“ gelegen. Schließlich können sie aus erster Hand berichten, wie es ist, wenn alle Jahre wieder Tausende Rechte in die Stadt kommen und wie schwer man damit fertig wird.

Denn natürlich gibt es da auch die Bürger im Ort, die sagen, dass die Rechten nach ihren Konzerten doch alles wieder ordentlich hinterlassen haben. Die stört viel mehr, dass ihre Stadt durch das ganze Hin und Her in aller Öffentlichkeit in kein schönes Licht gerückt wird, sie selbst vielleicht von manchen Leuten dann sogar ungerechtfertigt als Nazis tituliert werden. „Man muss mit den Leuten reden“, sagt Bürgermeister Böse. Er selber sei von den Leuten aus seiner Stadt auch noch nicht deswegen angefeindet worden, weil er sich an den Protesten beteiligt.

„Nicht akzeptiert“

Innenminister Maier sagt dazu: „Das Gift der Rechten ist durchaus eingesickert.“ Das sei beispielsweise erkennbar an den Stimmen für einen rechtsextremen Kandidaten bei der Landratswahl in diesem Jahr. „Was uns bisher nicht gelingt, das ist die Mobilisierung der Zivilgesellschaft“, so Maier. Dabei wäre es auch angesichts der Ereignisse von Chemnitz so wichtig. Mit einem harten Kurs, bei dem anreisende Konzertbesucher auch schon mal wegen abgefahrener Reifen kontrolliert werden, versuche der Staat „klare Kante“ zu zeigen und das Signal zu setzen, „dass Rechte hier nicht akzeptiert sind“, sagt Maier.

Aufrechnen geht gar nicht

Erschwerend kommt hinzu, so Barbara Morgenroth vom Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit, dass ganz schnell abgewiegelt und behauptet werde: „Die Linken sind viel schlimmer.“ Als sich das Bündnis etwa mit 193 weißen Holzkreuzen, die die offiziell gezählten Opfer rechter Gewalt seit 1990 symbolisieren, den Rechten entgegenstellte, sei prompt die Frage gekommen: „Und wo habt ihr das Kreuz für Susanna?“ (Gemeint ist ein 14-jähriges Mädchen aus Mainz, das Ende Mai getötet worden war, ein irakischer Asylbewerber hat die Tat gestanden.) So etwas könne man niemals gegeneinander aufrechnen, sagt Bürgermeister Böse: „Es geht immer um ein Menschenleben.“

Doch Rechtsextremisten zu bekehren – diese Hoffnung ist wohl längst aufgegeben. Aber auch Hildburghausens Landrat Thomas Müller (CDU) wundert sich in Themar laut: „Unter den Konzertgängern sind auch Leute von hier. Warum sagt denen nicht mal der Nachbar aus ihrem Dorf die Meinung? Wenn der Apfelbaum zu weit über den Gartenzaun reicht, streiten sie sich doch auch vor Gericht!“

Viel Bürokratie

Maier verweist darauf, dass die Rechten heutzutage oft sehr bürgerlich und sehr „normal“ daherkämen. Nicht umsonst gebe es im Nachbarort ein von einem Neonazi betriebenes Gasthaus – in einer Zeit, da anderenorts viele Wirtschaften dichtgemacht haben.

Und so ergänzt Thomas Jakob vom Bündnis: „Wenn wir uns nicht um die jungen Leute kümmern, die Rechten tun es.“ Denn die engagierten Bürger wissen auch, dass sie es auf der Gegenseite mit einer Szene zu tun haben, die auf ein gutes finanzielles Budget zurückgreifen kann – was man von den Demokratieprojekten nicht unbedingt behaupten kann. So stellen auch Bundesministerin Giffey und Landesminister Holter in Themar fest: „Sie machen ihre Projekte, wir machen unsere Projekte, aber in der praktischen Arbeit vor Ort kommt zu wenig an.“ Vor allem aber, so berichtet Sabine Jakob, müsse man schneller reagieren können. Der Aktion mit den weißen Kreuzen zum Beispiel seien monatelange Beantragungen vorausgegangen. „Wir wissen nicht, wann die wiederkommen.“

Es ist ein Thema, das Bundesministerin Giffey schon in Chemnitz wieder einholen wird.