Gedenken an die Rosenbergs und Gassenheimers

Von Cornell Hope

In Themar werden vier neue Stolpersteine verlegt, um an die Schicksale jüdischer Familien zu erinnern. Gäste aus aller Welt kommen, um ihre Vorfahren zu ehren.

Stolpersteinverlegung in Themar: Gedenken an die Rosenbergs und Gassenheimers
Vor der Themarer Regelschule werden die neuen Stolpersteine von Aktionskünstler Gunter Demnig eingesetzt. Vertreter des Vereins „Themar trifft Europa“ schildern die Schicksale der Menschen. Foto: Bastian Frank

Erneut sind die Menschen in Themar zusammengekommen, um ihrer jüdischen Mitbürger zu gedenken, an ihre Schicksale zu erinnern. Die Stadt Themar und der Verein „Themar trifft Europa“ haben zu dieser Veranstaltung eingeladen. Es ist immer wieder beeindruckend, dass für diese Stolpersteinverlegungen viele Menschen aus allen Ecken der Welt anreisen. Um dabei zu sein. Wenn in dem kleinen Städtchen an ihre Vorfahren erinnert wird, dafür ist kein Weg zu weit.

Aus aller Welt nach Themar

Peter Gassenheimer ist aus England gekommen. Rabbi John Franken aus Israel. Die Brüder Paul und Arne Müller sind wieder einmal aus Dänemark gekommen. Sie besuchen Themar zwei mal im Jahr und sind immer mit dabei, wenn Stolpersteine verlegt werden. Herzliche Umarmungen empfängt auch Sharon Meen. Es wird englisch und deutsch gesprochen. Die kanadische Professorin und Ehrenbürgerin der Stadt hat massiv dazu beigetragen die jüdische Geschichte Themars zu erforschen und tut es noch.

Themar hat nun 70 Stolpersteine

66 Stolpersteine gibt es schon, im kleinen Themar. Vier weitere kommen an diesem Donnerstagmorgen dazu. Künstler und Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig verlegt sie in diesem Jahr höchstselbst. An zwei Stellen werden sie verlegt, ergänzen damit die Ensembles der Steine, die schon vorhanden sind.

Landrat Sven Gregor ist am Morgen gekommen und dankt allen Beteiligten dafür, dass sie diese wichtige Aktion des Erinnerns und des Andenkens an die Bürger bewahren. Besonders freue ihn, dass die Stadt Themar und ihre Bürger selbst aktiv würden, um dieses Gedenken zu ermöglichen.

Vor der Themarer Regelschule „Anne Frank“ sind drei neue Stolpersteine für Mitglieder der Familie Rosenberg verlegt worden. Foto: Bastian Frank

Vor der Anne-Frank-Schule in Themar sind es drei Steine für die Familie Rosenberg, die neu im Pflaster versenkt sind: Irma Rosenberg, Elly Rosenberg und Lotte Rosenberg, verh. Schäfer. Irma und Elly waren die Töchter von Else und Markus Rosenberg. Irma, geboren 1911 in Themar besuchte hier die Volksschule und verließ die Stadt, um anderswo Arbeit zu finden. Im Rahmen des Domestic Permit Programs konnte sie nach England einreisen und lebte dort bis zu ihrem Tod 1990. Elly war das jüngste Kind der Rosenbergs. Sie wurde 1913 in Themar geboren und besuchte die Grundschule in der Werrastadt. Sie konnte im Mai 1939 Deutschland mit dem Schiff verlassen und kam in New York an. Ihr künftiger Mann und seine Familie waren schon frühzeitig emigriert.

Lotte Rosenberg kam 2017 nach Themar, um bei der Verlegung von Stolpersteinen für ihre Angehörigen dabei zu sein. Foto: Archiv/Steffen Ittig

Lotte Rosenberg war die Tochter von Julius und Else Rosenberg, die Nichte von Irma Rosenberg. Sie kam in Darmstadt 1934 zur Welt, die dort anhaltenden Verfolgungen zwangen die Familie nach Themar zurückzukehren. Sie entging gegen Ende des Kriegs der Deportation von Halbjuden. 1953 verließ sie Deutschland, zog mit ihrem Mann nach Kanada und später nach Kalifornien. 2017 kehrte sie nach Themar zurück, um bei der Stolpersteinverlegung im Gedenken an ihre Familienmitglieder dabei zu sein. Ihre Tochter Bianca hat den Themarern geschrieben und verdeutlicht, was für ein wichtiges Ereignis das für ihre Mutter gewesen sei. Auch ein Brief der Schwester Lori wird verlesen: „Unsere Familie dankt Ihnen von Herzen für die Ehre, die sie unserer Familie zuteil werden lassen.“

Peter Gassenheimer (links) und Rabbi John Franken erinnern an ihre Vorfahrin Betty Gassenheimer. Foto: Bastian Frank

In der Friedensstraße wird ebenfalls ergänzt. Zu den Stolpersteinen, die hier für die Familie Gassenheimer bereits liegen, gesellt sich nun noch ein Stein für Betty Gassenheimer. Sie war eines von elf Kindern von Hirsch und Therese Franken. Sie wurde die zweite Ehefrau von Samuel Gassenheimer und zog 1891 nach Themar. Samuel starb nur ein Jahr später und Betty war plötzlich alleinerziehende Stiefmutter von zehn Kindern.

Erinnerung an eine geliebte Großmutter

Sie lebte in Themar noch 44 Jahre und musste die ersten Jahre der Verfolgung und Schikanierung durch das Naziregime miterleben. Sie starb 1935 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Marisfeld beigesetzt. Peter Gassenheimer, dessen Stiefgroßmutter Betty war, berichtet in Themar davon, dass sie eine Großmutter war, wie man sie sich nur wünschen konnte. Eine liebevoll Frau, die sich um die Kinder kümmerte und der „Klebstoff der Familie Gassenheimer“ gewesen sei. Es sei gut, dass sie die ganzen Gräuel der Nazis nicht mehr habe miterleben müssen, sagt Peter Gassenheimer. Albert Gassenheimer, ihr Sohn und Vater von Peter war nach ihrem Tod nach Südafrika ausgewandert.

Ehre und Dankbarkeit

Auch Rabbi John Franken nimmt an der Zeremonie für seine Urgroßtante teil. Es sei eine große Ehre für ihn, dabei sein zu können. Im Judentum gebe es keine größere Güte, als dass die Lebenden an die Toten erinnern, erklärt John Franken. Er habe Betty natürlich nie kennengelernt, aber er spüre die Kraft der Familie und der Verbindung an diesem Ort, sagt er gerührt. Und er verdeutlicht, wie klein die Welt und wie groß manche Symbole sein können. Dass etwa die Themarer Schule an Anne Frank erinnert. Jene Anne Frank, die im Versteck in Amsterdam Babysitter für einen seiner Vorfahren gewesen sei, weil die Franks und die Frankens eine Weile im selben Haus gelebt haben.

Er dankte den Themarern für die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in ihrer Stadt und er freue sich, dass auch Jugendliche – eine Themarer Schulklasse hatte die Stolpersteinverlegungen verfolgt – eingebunden seien. Auf hebräisch sprach er das Gedenkgebet für die Verstorbenen, Peter Gassenheimer schickte ein Segensgebet hinterher.

 

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