09.11.2021
Cornell Hope
Ein letztes Mal sind in Themar 15 Stolpersteine verlegt worden, die an die jüdischen Bürger der Stadt erinnern sollen. Mit dem Abschluss dieses Projekts sei aber die Aufarbeitung längst noch nicht vorbei.







































Themar – Wer weit reist, um Deutschland zu besuchen, der kommt, um Berlin zu sehen, Hamburg vielleicht oder München. Sharon Meen kommt aus Vancouver, um Themar zu besuchen.
Sie hat dafür gute Gründe. Die kanadische Professorin arbeitet ehrenamtlich am Holocaust Memorial Center in Vancouver und hat dort eine Reihe von Briefen übersetzt. Über diese Briefe ist enormes Wissen um das jüdische Leben in Themar zusammengekommen und war Grundlage für die weitere Befassung mit dem Thema. Auf diese Weise hat Sharon Meen die Aufarbeitung der Geschichte jüdischen Lebens in Themar bestärkt. Und sie hat in Themar eine ganze Reihe von engagierten Mitstreitern gefunden, die diesen Anschub gern aufgenommen und weitergeführt haben. Barbara und Arnd Morgenroth, den Verein Themar trifft Europa und den ehemaligen Bürgermeister Hubert Böse, um nur einige zu nennen.
Auch dieses Mal hat sie es sich nicht nehmen lassen, die beschwerliche Reise anzutreten, um in Themar dabei zu sein, wenn Stolpersteine ins Pflaster der Stadt versenkt werden. Es sind die letzten ihrer Art in Themar, auch darum sei es ihr natürlich ein besonderes Anliegen gewesen, hierher zu kommen. „Das wird mich nicht los lassen“, sagt sie. „Von Anfang an habe ich nicht nur die Rolle der Forscherin“, erzählt Sharon Meen, sie sei es auch, die den Kontakt zu den Nachfahren der Themarer Juden hält. Nachfahren der Familie Gassenheimer konnten in diesem Jahr nicht kommen. „Nach der Pandemie wollen wir ein großes Familientreffen hier in Themar auf die Beine stellen“, erzählt Sharon Meen.
In der Friedenstraße – auf dem Gelände des heutigen Netto-Supermarkts hatte das Haus gestanden, in dem Herbert, Edith, Ernst und Albert Gassenheimer sowie Walter und Lotte Rosenbaum gelebt haben. Die Gassenheimers waren eine der ersten jüdischen Familien, die sich in Themar niedergelassen hatten. Während alle zehn Geschwister fortzogen, blieb Ernst Gassenheimer an der Werra. Herbert, Albert, Lotte und Walter gelingt die Flucht vor den Nazis. Zunächst siedelt die Familie unfreiwillig nach Gelsenkirchen über. Lotte und Walter Rosenbaum fliehen später nach Spanien und ziehen nach 1945 in die USA. Albert Gassenheimer flieht nach Südafrika, Herbert Gassenheimer gelingt es, über einen jüdischen Verein nach England überzusiedeln. Ernst und Edith Gassenheimer werden von Gelsenkirchen aus nach Riga deportiert und dort ermordet.
Es sind solche Geschichten, die die Historikerin Sharon Meen – Micro-Historie nennt. Alle großen Ereignisse dieser Zeit, liessen sich exemplarisch auch im kleinen Themar nachvollziehen, erklärt sie.
In der Leninstraße werden drei weitere Steine verlegt. Im Erinnern an Alma und Max Bachmann und ihre Tochter Sophie. Während Alma in Themar verstirbt und Sophie die Flucht nach Palästina gelingt, wird Max nach Buchenwald verschleppt. Er wurde angezeigt, weil er den gelben Stern nicht getragen hatte. Er wird später in Bernburg getötet.
Unter den Gästen der Aktion am Dienstagmorgen ist auch Renate Mayer-Merkel. Unter anderem für ihren Vater und Teile dessen Familie werden in der Themarer Schulstraße Steine verlegt. Renate Mayer-Merkel ist nicht zum ersten Mal in Themar. Traurig und herzzerreißend seien die Erlebnisse hier gewesen, aber immer auch schön. Sie erzählt davon, wie sie 2013 zum ersten Mal mit Sharon Meen in Themar zusammengetroffen ist. „Sie wusste so viel über meine Familie. Und ich so gut wie nichts“, schildert sie. Ihr Vater Ernst Mayer war kein religiöser Mensch. Spät erst habe sie erfahren, dass er Jude sei. Ein erheblicher Teil der Familie war schon vor der Nazi-Zeit in die USA gegangen. Dorthin gelangten auch Frieda und Albert Wolf sowie Flora Müller, als sie flohen. Karoline Mayer und Klara Eisenfresser starben 1940 in Themar. Allen fünf zum Andenken sind vor der so genannten Villa Wolf in der Schulstraße fünf Stolpersteine gewidmet.
Ein letzter Stolperstein ist ebenfalls ins Pflaster der Schulstraße eingelassen. Er erinnert an Erna Haass. Sie ist bei der Heirat zum Christentum konvertiert, was ihr zunächst gewissen Schutz bot. Dies sei aber mit der Machtübernahme der Nazis obsolet gewesen. erklärt Sharon Meen. Soweit man heute wisse, sei Erna Haass oin Themar verhungert.
Peter Harenberg, Bürgermeister Themars dankte den engagierten Bürgern der Stadt, für die Aufarbeitung der Geschichte jüdischer Familien. „Der Antisemitismus hat weiter große Wirkung in der Welt“, mahnte er. „Auch wenn heute der letzte Stein verlegt wird, kann die Aufarbeitung des Themas nicht zu Ende sein“, so Harenberg. Es sei der Stadt ein großer Anspruch und eine Herausforderung, aber auch ein Bedürfnis, das Erinnern an die ehemaligen jüdischen Bürger wach zu halten.
Im Anschluss an die Verlegung der letzten Steine ergriff auch Paul Müller das Wort. Er und sein Bruder Arne (beide leben in Dänemark) sind Nachfahren der Familie Max Müller und kommen regelmäßig nach Themar. Müller dankte den Menschen der Stadt. „Wir sind 1992 hierher gekommen und wollten eigentlich mit niemandem sprechen, weil wir nicht wissen konnten, wer vielleicht auch Täter gewesen ist“, erklärt Paul Müller. Das habe sich aber sofort geändert. Inzwischen sei Themar ihre zweite Heimat geworden. „Dafür sind wir sehr dankbar“, so Paul Müller. Auch er dankte Sharon Meen, für ihre wissenschaftliche Arbeit. Ohne sie wüssten wir nicht so viel über unsere Familien.
„Für mich schließt sich hier ein Kreis“, sagt Hubert Böse. Er erinnerte an das erste Treffen mit Nachfahren jüdischer Familien 2008 im November. Sharon Meen hatte damals zum ersten Mal über die jüdische Geschichte referiert. Er erinnerte an die zahlreichen Treffen, die regelmäßigen Aktionen und dankte dem Ehepaar Morgenroth, dem Verein Themar trifft Europa und Sharon Meen für die unermüdliche Arbeit. „Was mir von der ersten Verlegung der Stolpersteine 2013 immer noch besonders in Erinnerung ist, ist die unheimliche Herzlichkeit, die uns von den Nachfahren entgegen gebracht wurde“, resümiert Hubert Böse. Mit der Erinnerung seien aber auch die schlimmen Geschichten der ehemaligen Themarer Juden verbunden. „So etwas darf sich in keiner Form wiederholen“, mahnt er.
Auch Sabine Müller, Vorsitzende von Themar trifft Europa und Barbara Morgenroth erinnern in ihren Ansprachen zum Schluss daran, dass mit der Verlegung der Stolpersteine zwar ein großes Projekt geschafft sei, damit aber nicht die Aufarbeitung aufhört.

