20.03.2022
Wolfgang Swietek
Der Verein „Themar trifft Europa“ e. V. wurde mit dem Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland ausgezeichnet.

Es war eine kleine Runde, die sich da in Morgenroths Haus in Themar zusammengefunden hatte. Für die Einladung gab es einen erfreulichen Grund: Die Auszeichnung des Vereins „Themar trifft Europa“ e. V. mit dem Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM). Kirchenrätin Charlotte Weber vom Landeskirchenamt in Erfurt hatte es übernommen, die Wahl für diese Auszeichnung zu begründen und anschließend den Preis zu überreichen. Doch auch sie ließ sich von dem beeindrucken, was sie während dieses Treffens zu sehen und zu hören bekam.
Wie dies alles angefangen hatte in Themar, darüber gab es einen eindrucksvollen Film. Und natürlich die Erzählungen von Sabine Müller, der Vorsitzenden des Vereins, und von Barbara Morgenroth, die mit ihrer Ausstellung „Sie waren Themarer“ einst ein erstes Achtungszeichen gesetzt hatte bei einem Thema, das fortan von einem extra dafür gegründeten Verein aufgearbeitet worden ist – und immer noch weiter bearbeitet wird.
„Alles begann im Jahr 2008 mit der Reparatur des Kirchturms unser Stadtkirche St. Bartholomäus“, erinnert sich Sabine Müller. „Der Kirchturmknopf wurde heruntergeholt, darin eine Kassette mit Zeitzeugen von über 300 Jahren Geschichte. Aber vom schwärzesten Kapitel der deutschen Geschichte, von den Repressalien gegen die Juden, ihren Deportationen, kein einziges Wort. Barbara und Arnd Morgenroth hatten schon Gespräche mit älteren Bürgern, mit Zeitzeugen, geführt, hatten dabei von den schrecklichen Ereignissen allein in der Nacht vom 9. November 1938 in Themar gehört, hatten Namen ehemaliger jüdischer Familien in Themar erhalten.“ Daraus hatte Barbara Morgenroth dann ihre Ausstellung „Sie waren Themarer“ zusammengestellt.
Etwa zur gleichen Zeit hatte die kanadische Historikerin Sharon Meen von der Universität Vancouver einen Karton mit Briefen in deutscher Sprache von Manfred Rosengarten erhalten. Dieser musste als 14-Jähriger mit seiner Familie Themar verlassen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1987 in Kalifornien hat er seine Heimatstadt Themar nicht vergessen können, hat deshalb einen umfangreichen Briefwechsel mit ehemaligen Mitschülern und Spielkameraden aus Themar geführt. Der Sohn von Manfred Rosengarten erhielt nach dem Ableben seines Vaters diese Briefe und brachte sie zum Übersetzen zu Sharon Meen. Die diese Briefe so beeindruckend fand, dass sie Themar unbedingt kennenlernen wollte – und dies im Jahr 2008 zum ersten Mal in die Tat umsetzte. Seitdem ist sie schon mehrfach in das Werrastädtchen gekommen. Eine intensive Freundschaft und enge Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Vereins „Themar trifft Europa“ ist daraus entstanden, in deren Folge Jahr für Jahr weitere Kapitel geschrieben werden.
Eines davon ist die Verlegung von Stolpersteinen, um den ehemals hier lebenden jüdischen Mitbürgern ein sichtbares Zeichen der Erinnerung zu verschaffen. 66 solcher Steine gibt es inzwischen, verlegt an fünfzehn Stellen in der Stadt. Den ersten Stein hatte noch der Verein selbst finanziert, viele weitere kamen dann von Privatpersonen, von Schulklassen oder von anderen Vereinen. Was diese Verlegung der Steine zu etwas Besonderen machte: Immer waren Angehörige oder Nachfahren dieser jüdischen Mitbürger dabei, die oft von sehr weit angereist waren. Und bei diesen Gelegenheiten mitunter Dinge über die eigenen Vorfahren erfuhren, die sie selbst nicht wussten, die erst durch die Nachforschungen von Sharon Meen und von den Vereinsmitgliedern von Themar wieder aufgefunden worden waren.
Emotionen pur waren bei fast allen dieser Veranstaltungen unvermeidlich. „Ich möchte keines dieser unvergesslichen Treffen missen“, bekennt Sabine Müller. „Mit unseren 66 Steinen sind die ehemaligen jüdischen Mitbürger nicht vergessen. Denn ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Sie sind aber auch Mahnung, dass so etwas nie wieder geschehen darf.“
Tief beeindruckt zeigte sich von all dem Charlotte Weber. Natürlich wusste sie, wofür sie dem Verein „Themar trifft Europa“ den Werner-Sylten-Preis überreichen sollte, hatte die Jury doch ausgiebig geprüft, welcher der Bewerber für eine solche Auszeichnung infrage kommt. Dennoch ließ sie sich erneut einfangen von den Gesprächen und Erzählungen in dieser kleinen Runde in Morgenroths Haus.
Wunde des Christentums
„Die EKM fördert das christlich-jüdische Gespräch. Sie erinnert an die Mitschuld der Kirche an der Ausgrenzung und Vernichtung jüdischen Lebens, setzt sich für die Versöhnung mit dem jüdischen Volk ein und tritt jeder Form von Antisemitismus und Antijudaismus entgegen.“ So steht es in der Verfassung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Zur Erfüllung dieses Auftrages hat sich in der EKM ein Beirat für christlich-jüdischen Dialog gegründet, der die verschiedenen Aktivitäten der EKM auf diesem Gebiet vernetzt und fördert.
„Mit der Förderung des christlich-jüdischen Gesprächs wollen wir unseren Teil dazu beitragen, eine Wunde zu heilen, die die Geschichte des Christentums durchzieht“, sagt Charlotte Weber. „Unverständnis darüber, dass die Abgrenzung des Christentums gegenüber den Juden in ein bewusstes Nicht-Verstehen führte, je stärker sich das Christentum mit den weltlichen Mächten verbündet hatte.“ Was die Kirchenrätin Charlotte Weber hier in Themar jedoch besonders beeindruckte: „Sie geben den Menschen, die hier gelebt haben, die vertrieben und ermordet wurden, ein Gesicht und eine Geschichte zurück. Dabei können Sie auch die Schuld einzelner Menschen aus Themar nicht ausblenden. Da kommen Dinge ans Licht, über die andere lieber schweigen würden.“ Und weiter: „Ich finde es bezeichnend, dass Sie dies als Verein ‚Themar trifft Europa’ tun. Als der Verein, der das Gesicht Themars in der Welt darstellt. Ein Impuls bei solcher Außendarstellung kann ja immer sein, dass man lieber die Decke über das legt, was in der eigenen Geschichte nicht gut war. Sie haben sich für den anderen Weg entschieden. Sie haben ihre Geschichte aufgearbeitet und können nun aufrecht und ehrlich auf andere Menschen zugehen und ihnen in die Augen schauen. Nicht nur den Menschen in ihren Partnerstädten.“
Als abschließendes Fazit sagte die Laudatorin: „Das Anliegen, Unrecht beim Namen zu nennen, zur Versöhnung beizutragen, Begegnungen zu ermöglichen, verbinden uns miteinander. Wir freuen uns, dass ganz unterschiedliche Menschen hier miteinander zusammenarbeiten an diesem Anliegen. Und so einen Beitrag dafür leisten, auch in Zukunft Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit die Stirn zu bieten.“ Eine Lehre bleibt aus alledem: Man kann die heutige Generation nicht für das verantwortlich machen, was ihre Väter und Großväter getan haben. Aber man kann von ihnen verlangen, dass sie sich mit dieser schlimmen Zeit auseinandersetzen.