Am Mittwochabend hält Stolperstein-ErfinderGunter Demnig einenVortrag darüber,welchen Weg er alsKünstler zurückgelegt hat,um bei den Stolpersteinen anzukommen.

Von Cornell Hoppe
6. März 2026
Themar. Schon am Vorabend der Stolperstein-Verlegung sind zahlreiche Gäste im Themarer Amtshaus zusammengekommen. Themarer, Nachfahren der jüdischen Familien aus Themar, aber auch eine Reihe von Interessenten, die selbst künftig Stolpersteine in ihren Heimatorten verlegen lassen möchten, wollten den Vortrag von Gunter Demnig selbst hören. Nach vielen Jahren ist Gunter Demnig wieder zu Gast in Themar. Demnig ist der „Erfinder“ der Stolpersteine, er nennt sie sein Lebensprojekt. Am Mittwochabend hält er einen Vortrag, in dem die Besucher ein bisschen mehr über den Menschen und Künstler Gunter Demnig erfahren können und wie ihn sei Weg – man könnte sagen, zielstrebig –zu seinen Stolpersteinen gebracht hat.
Gunter Demnig wäre fast Lufthansa-Pilot geworden, erzählt er. Einem sehr guten Abitur folgte der Pilotenschein. Kurz vor der Prüfung eröffnete er der Familie, dass er lieber Kunst studieren wolle, als ein besserer Busfahrer zu sein. Westberlin, Kassel und Köln werden seine Ausgangspunkte. „Spuren“ wird eins seiner künstlerischen Lebensthemen. Mit Kreidefarbe oder mit Blut und mit selbst gebauten Maschinen druckt er auf Straßen, verbindet damit Orte. Als ein Kunstprojekt verknüpft er die beiden Orte mit den wichtigsten Ausstellungen moderner Kunst –die Documenta in Kassel und die Biennale in Venedig – mit einem roten Faden. Buchstäblich. 1000 Kilometer zu Fuß, mit einer Abrollspule auf dem Rücken.
Er arbeitet mit Schrift und wird die Deklaration der Menschenrechte in 120 Sprachen in Tontafeln ritzen. Und schließlich wird er in Köln 1990 an die Deportation von Sinti und Roma erinnern, indem er mit Fassadenfarbe vielhundertfach den Schriftzug „Mai 1940 – 1000 Sinti und Roma“ auf die Kölner Straßen druckt–von den letztenWohnorten der Menschenzur Deutzer Messe, von wo aus sie in Arbeitslager im Osten verschleppt wurden.
Ab 1992 sind es dann die Stolpersteine, die ein ähnliches Motiv verfolgen.9,6 mal 9,6 mal 10 Zentimeter ist ein solcher Block mit Messingplatte groß. Auf ihm eingraviert stehen die Daten der Menschen, die vom Naziregime verfolgt, vertrieben, ermordet wurden. Für jede Person ein Stein – individuell und handgefertigt. Alle Zeichen sind per Hand in das Messingblech geschlagen.
Eingebettet ist der Stein in Pflaster oder Asphalt vor der letzten frei gewählten Wohnstätte der Menschen. „Für mich war es anfangs eigentlich ein eher konzeptionelles Werk“, sagt Demnig in Themar. Also eigentlich eine Idee, ein Zeichen. Der Kölner Pfarrer Kurt Pick mit dem er dazu diskutierte, hatte ihm beigepflichtet, dass es eine riesige Aufgabe sei. Aber wie mit allem, müsse man eben einmal anfangen.Aus dem Anfang sind inzwischen 124 000 Steine geworden. In 32 Ländern Europas. Im vergangenen Jahr erst ist Andorra, der kleine Bergstaat zwischen Frankreich und Spanien,dazugekommen.
66 Stolpersteine gibt es bereits in Themar.Am Donnerstagmorgen sind vier weitere dazugekommen und zehn sollen noch folgen. Für eine Stadt der Größe Themars ist das eine riesige Zahl.
In der Stiftung Spuren, die Gunter Demnig gegründet hat, sind inzwischen acht Personen fest beschäftigt, vier bis fünf helfen spontan aus, erklärt der Künstler. Obwohl er das Projekt bereits seit mehr als 30 Jahren betreibe, freue er sich immer noch über jeden neuen Ort, jedes neue Land und jeden neuen Stein, der dazukommt. Denn eins, dass habe sich in all den Jahren nie eingestellt: Routine. „Es stehen schließlich immer neue Menschen, immer neue Schicksale hinter den Namen“, sagt Demnig.
Nichtjeder schätzt,was Demnig tut. Auch darauf geht er in seinem Vortrag ein. 800 Steine sind herausgerissen worden. Und Morddrohungen hat er erhalten. „In 30 Jahren,drei Stück.Da kann man mitleben“, sagt er lakonisch.
Quelle: Lokalzeitung