Leopold Rudolf Koestner

„Überlebenswille in dunkler Zeit“
Von Thomas Schwämmlein
26.01.2026

Seinen 23. Geburtstag hätte der Sonneberger Leopold Köstner nicht mehr erlebt, wäre es nach den Nürnberger Rassegesetzen gegangen.

Am 10. Mai 1942 verlies ein Zug den Bahnhof Weimar mit dem Ziel Lublin. In den mit jüdischen Deutschen vollgepferchten Güterwagen war auch der Sonneberger Leopold Rudolf Köstner (1920-1999). Dass der damals 22-Jährige seinen 23. Geburtstag noch erleben würde, war nicht zu erahnen. Im Gegenteil, die Deportationszüge aus Thüringen, aber auch aus anderen Teilen des Deutschen Reiches hatten nur ein Ziel – den Tod. Dass Menschen wie Köstner überlebten, in seinem Fall auch Jahrzehnte, war wohl die größte Niederlage der Nationalsozialisten, die dem Wahn eines Genozids an Menschen, verfolgten, die ihrer Ansicht nach kein Lebensrecht hatten. Sein Leben steht stellvertretend für Millionen, deren am 27. Januar am Gedenktag der Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft gedacht wird.

Die kanadische Historikerin Sharon Meen hatte die Biografien der 1942 deportierten Thüringer recherchiert, darunter auch die von Leopold Rudolf Köstner, wenn auch dazu noch viele Fragen offen sind. Geboren wurde er am 3. November 1920 in Coburg. Seine Eltern waren Regine Steinfeld und Josef Goldberg, beide jüdischen Glaubens. In einer 1945 ausgestellten Heiratsurkunde wurde Regine Steinfeld als „ledig“ angegeben. Der Makel unehelicher Geburt war in dieser Zeit ein Problem. Möglicherweise wurde er auch deshalb von Michael und Elisabeth Köstner in Sonneberg adoptiert.

Das kinderlose Ehepaar lebte in der Coburger Straße, wo sie zur Miete bei Schmiedemeister Robert Braun wohnten. Wie die Meldescheine im Sonneberger Stadtarchiv belegen, hatten die beiden 1907 geheiratet und lebten seit 1918 in der Coburger Straße. Michael Köstner (1875-1941) war aus dem bayerischen Nordhalben nach Sonneberg zugezogen. Elisabeth Köstner (1866-1950), geborene Schaller, stammte aus Schney bei Lichtenfels. Es handelte sich um kleine Leute, die den Jungen adoptiert hatten, um ihn eine Familie zu geben.

Evangelisch erzogen
Ob es Beziehungen zwischen den leiblichen und den Adoptiveltern gab, ist bis heute unbekannt. Fest steht Leopold wurde von den Köstners evangelisch-lutherisch erzogen und auch später noch, gab er selbst die beiden Sonneberger als seine Eltern an. Michael Köstner erscheint in den Adressbüchern als Fabrikarbeiter, hatte aber wohl eine kleine Schusterwerkstatt betrieben.

Hinsichtlich seiner Herkunft gab es nie Zweifel und Köstner selbst verstand sich stets als evangelischer Christ und Sonneberger. Seine Herkunft war von ihm wohl nie hinterfragt worden, denn er hatte ja Eltern – die Familie Köstner. Erst als 1935 mit den Nürnberger Rassegesetzen eine biologische Abstammungslinie entschied, ob jemand noch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen durfte, konnte er diesen Nachweis nicht erbringen. Er erlebte die Ausgrenzung in seiner Heimatstadt. Er war längst auf einer der vielen „schwarzen Listen“ vermerkt. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde er mit den beiden Kaufleuten Karl Gramowsky und Bernhard Grünspan ins Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verschleppt. Nach einigen Wochen wieder entlassen, kehrte er nach Sonneberg zurück. Über die Situation machte er sich keine Illusionen.

„Wahrscheinlich stellte er zu diesem Zeitpunkt einen Antrag auf Auswanderung, wobei er Spanien als Zielort angab und erklärte, dass er Spanisch sprach“, hatte Sharon Meen im Archiv Arolsen herausgefunden. In seinem Auswanderungsantrag gab er auch an, dass er Arbeiter in der Spielzeugindustrie war, die Sonneberg berühmt gemacht hatte.

1942 lebten noch drei Juden in Sonneberg, einer davon war Köstner. Am 10. Mai 1942 wurde er über Weimar aus in das Ghetto Belzyce deportiert, ein Transport, der als „Arbeitsumsiedlung“ und somit für jüngere Menschen gedacht war. Meens Recherchen zu Köstner gestalteten sich nicht einfach. Fest steht, er überlebte die Deportation am 10. Mai 1942 von Weimar nach Lublin/Belzyce Ghetto. Köstner sei am 12. Mai 1942 in Lublin an und wurde im Ghetto Majdan Tatarski registriert worden, das in der zweiten Aprilhälfte 1942 im Arbeiterviertel Majdan Tatarski am südöstlichen Stadtrand von Lublin eingerichtet worden war. „Nur Juden, die als arbeitsfähig eingestuft wurden und einen J-Ausweis besaßen, konnten sich im Ghetto niederlassen; zunächst wurden mehrere tausend Juden, die die Liquidierung des Ghettos in Podzamcze überlebt hatten, nach Majdan Tatarski verlegt“, erläutert die Historikerin.

Befreit in Majdanek
Der Sonneberger wurde mit dem J-Ausweis Nummer 3452 in das „Verzeichnis der im Ghetto Majdan Tatarski wohnenden Personen mit J-Ausweis (1942)“ eingetragen. Die Lebensbedingungen waren barbarisch, stets begleitet von weiteren Deportationen in die Vernichtungslager. Am 9. November 1942 fand die letzte „Umsiedlung“ statt: Zweihundert Menschen wurden auf dem Gelände des Ghettos ermordet, und die Überlebenden wurden in das Konzentrationslager Majdanek gebracht. Leopold Köstner gehörte zu denen, die in das KZ Majdanek deportiert wurden. „In der Nachkriegsregistrierungsakte für ihn als Displaced Person innerhalb und außerhalb von Lagern wird Majdanek, Lublin, als sein letztes Konzentrationslager genannt“, so Meen. Er gehörte zu den wenigen, die die Befreiung dieses Lagers erlebten.

Wie andere einstige Häftlinge war er nunmehr eine Displaced Person (DP), also einer jener Zivilpersonen, die ohne Heimat auf dem Gebiet des Deutschen Reiches unterwegs waren. Eine Rückkehr nach Sonneberg? Unsicher. Sein Adoptivvater war bereits 1941 verstorben. Sollte er im Sommer 1945 nach Sonneberg zurückgekehrt sein, dann hätte er auch die Mutter nicht mehr angetroffen. Wie das Stadtarchiv mitteilt, war im Mai 1945 nachträglich auf dem Meldeschein vermerkt worden, dass sie in die Untere Marktstraße verzogen sei. Elisabeth Köstner verstarb im Jahr 1950. Eine weitere Spur von Leopold Köstner konnte Meen in München ausfindig machen. Am 21. Juli 1945 heiratet er in der evangelischen Kirche München-Laim Anastasia Ilasch (1922-2010). Beide könnten sich in den 1940er Jahren in Sonneberg kennengelernt haben. Ilasch, Tochter eines katholischen Bauern aus Polen, war Zwangsarbeiterin im Siemens-Schuckert-Werk bei Sonneberg. Sie arbeitete dort als Montiererin. Verband beide Sonneberg, so handelte Leopold Köstner nun ähnlich, wie er es von seinen Sonneberger Adoptiveltern kennengelernt hatte. 1946 adoptierte das junge Paar ein kleines Mädchen, Traudl (später Trudy). Dazu kamen später noch zwei leibliche Kinder. Zwei Jahre später, am 12. März 1948, verließ die Familie Deutschland und Europa und wanderte in die Vereinigten Staaten aus. „Sie reisten auf der Grundlage der Direktive von Präsident Harry Truman vom 22. Dezember 1945, dass bei den Einwanderungsquoten für 1946 Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, die sich zum Zeitpunkt der Anordnung in den amerikanischen Besatzungszonen befanden, bevorzugt werden sollten“, erläutert Meen.

Die Auswanderung erscheint als Schnitt in der Biografie, denn der Sonneberger erscheint nun stets mit seinem zweiten Vornamen Rudolf und aus dem deutschen Köstner wurde das im englischen leichter verständliche Koestner. Da Rudolf kein Wort Englisch sprechen konnte, wie vorher auch kein Spanisch, stellte sich für das junge Paar einige Probleme auf. Bereits in der Heiratsurkunde hatte Rudolf als Beruf „kaufmännischer Angestellter“ angegeben, während er noch Jahre vorher stets „Arbeiter in der Spielwarenindustrie“ vermerkte. In jedem fall wollte das junge Paar nicht aufgeben. Seinen Lebensunterhalt verdiente er im Winter mit einem Brotliefer- und im Sommer mit einem Eiswagen.

Erfolg mit Spieltieren
„Um mehr Geld für seine Familie zu verdienen, verkaufte er Plüschtiere, die von seiner Frau entworfen und genäht worden waren“, schreibt Historikerin Meen. Daraus wurde eine nahezu unglaubliche Erfolgsgeschichte: „Als er seine Kuscheltiere auf dem Kotflügel seines Eiswagens ausstellte, verkaufte er auf der Bear Mountain Bridge in New York mehr Teddybären als Eisriegel.“ Im Jahr 1954 zog die Familie nach Newark, Connecticut. Trudy-Toys wurde Trudy Toys zu einem der größten Verkäufer von Stofftieren in den Vereinigten Staaten. Spieltiere der Marke „Trudy-Toys“ finden sich immer wieder bei Online-Auktionen, allerdings nicht im Bestand des Deutschen Spielzeugmuseums. Sehr wohl war den jungen Leopold/Rudolf Köstner das Selbstverständnis der einstigen Weltspielzeugstadt bewusst.

Wiederholt gab er später an, dass er Arbeiter in der Spielwarenindustrie an und dass diese Stadt für die Branche bekannt sei. Nicht auszuschließen ist, dass Köstners Mutter Elisabeth Heimarbeit gemacht hat und er gesehen hat, dass man damit auch seinen Lebensunterhalt verdienen kann. 1961 unternahmen Rudolf und Anastasia Köstner eine Europareise. Dass sie Sonneberg besucht haben könnten, ist eher unwahrscheinlich. Auf der Reise hatten sie auch neben Trudy der 1957 geborene Sohn Rudolf junior mitgenommen. Das erfolgreiche Unternehmen verkauften Köstner 1979. Im Jahr 1999 ist er in Norwalk verstorben. Im Nachruf wurden als Eltern Michael und Elisabeth Köstner genannt. Die Beerdigung fand in der lutherischen Kirche statt. Sharon Meen hat Köstners Biografie umfänglich aufgearbeitet, die auch online verfügbar ist.

Allerdings würde die Historikerin gerne weiter recherchieren. Bis heute gebe es keine Details über die leiblichen, aber auch die Adoptiveltern. Vor Ort hat die Coburger Heimatforscherin Gaby Schuller die Recherchen übernommen. Die kanadische Historikerin Sharon Meen hatte angeregt, für Leopold/Rudolf Koestner einen Stolperstein zu verlegen. Wie die Stadtverwaltung dieser Zeitung gegenüber erklärte, stehe man dem Vorhaben positiv gegenüber.

Weitere Informationen
Deportiert aus Thüringen
Deportiert aus Thüringen Im Mai 1942 wurden von Weimar aus 508 Juden aus 42 Orten Thüringens, darunter auch aus Sonneberg, ins Ghetto Belzyc deportiert. Für viele bedeutete dies den Tod, nur sehr wenige haben überlebt.

Webseite
Informationen zu den aus Thüringen deportierten Juden gibt es online. Die Webseite bietet Kurzbiografien, aber auch weiterführende Quellen. Die Adresse ist: https://insghettobelzyce.org

Weitere Forschungen
Sharon Meen möchte die Recherchen auch zu Leopold Köstner weiterführen. Wer weitere Informationen hat, kann sich an sie direkt wenden. Mailadresse: s.meen79gmail.com

 

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