Die Deportation ins Ghetto Bełżyce, Mai 1942

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Der Beginn der „Unternehmen Barbarossa” im Juni 1941 — der Versuch, Russland zu erobern — markierte einen Wendepunkt in der Strategie der Nazis, das „Judenproblem” zu lösen. Juden wurden weiterhin zwangsumgesiedelt, während die Emigration der Juden nicht länger akzeptiert wurde. Stattdessen wurden die deutschen Juden systematisch und vom Staat kontrolliert in die vom Dritten Reich besetzten Ostgebiete umgesiedelt. Ein schneller Sieg über Russland – möglichst vorm Einsetzen des Winters — sollte so zur Lösung des „Judenproblems” beitragen und eine Umsetzung der Juden ostwärts ermöglichen.

Der Wandel vollzog sich schnell: Am 1.Oktober 1941 lebten noch 163.696 Juden in Deutschland. Schon drei Monate später waren es nur noch 131.828. Der starke Rückgang, abgesehen von einer grossen Zahl von Suiziden, war fast ausschliesslich auf die Deportation nach Osten zurückzuführen.

Der erste Befehl zur Deportation deutscher Juden wurde am 14. Oktober gegeben: Mit jedem Transport wurden 1.000 und mehr Menschen deportiert. Zu Beginn der Transporte wurden vor allem Juden aus Berlin getroffen, wo bis dahin die größte Gemeinde von Juden im Deutschen Reich bestand. Zu ihr zählten auch etwa ein Dutzend Themaraner. Von Berlin erfolgte am 18. Oktober ein erster Transport von rund 1.000 Juden ins fast 500 km entfernte Ghetto Litzmannstadt/Łódź.

Bereits am 1. November 1941 war die erste Deportationswelle vollzogen. Über zehntausend deutsche Juden, hauptsächlich aus den großen Städten wie Berlin, Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf und Köln, waren nach Łódź verbracht worden.

Von diesem Zeitpunkt an wurden Juden auch in die besetzten baltischen Regionen, ins lettische Riga und ins litauische Kovno, sowie ins belorussische Minsk deportiert. Bis Ende des Jahres 1941 sind über 30.000 deutsche Juden in 25 Transporten in den Osten verschleppt worden.

Im Frühling 1942 war nach den Rückschlägen im Winter die Euphorie über das „Unternehmen Barbarossa” verflogen und das Vorhaben, das „Judenproblem” durch die Verschleppung in die besetzten sowjetischen Gebiete zu lösen, nicht mehr wie geplant umsetzbar. Inzwischen hatte die Wannsee-Konferenz stattgefunden, in der die Endlösung, also die Vernichtung aller europäischern Juden, beschlossen worden war. Das sollte für die arbeitsfähigen Juden durch schwere Arbeit bei Hungerportionen geschehen, bei den anderen durch Erschießung und Vergasung in Lagern. Als solche wurden eingerichtet die Vernichtungslager Treblinka, Sobibor und Belzec.

Die Vorbereitungen der Deportation thüringischer Juden waren zu diesem Zeitpunkt bereits angelaufen. Am 4. November 1941 hatte der Reichsminister der Finanzen an die regionalen Behörden folgendes mitgeteilt. Im Betriff: Abschiebung der Juden schrieb er, 

Allgemeines Juden, die nicht in volkswirtschaftlich wichtigen Betrieben beschäftigt sind, werden in den nächsten Monaten in eine Stadt in den Ostgebietenabgeschoben. Das Vermögen der abzuschiedenen Juden wird zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen. Es verbleibenden Juden 100 RM und 50 Kilo Gepäck je person.

Die thüringischen Juden wurden etwa einen Monat vor dem Abtransport benachrichtigt. Max und Clara Müller informierten ihren Sohn Meinhold in Schweden im Laufe des Aprils, eine solche Nachricht erhalten zu haben. In ihren 2005 veröffentlichten Memoiren, beschreibt Laura Hillman, geb. Hannelore Wolff, die mit ihrer Mutter und ihren beiden Brüdern deportiert wurde, die Wirkung der Benachrichtigung auf sie und ihre Familie. Laura besuchte in Berlin die Schule, als ihre Mutter ihr schrieb, dass sie eine Aufforderung erhalten habe, sich am 8. Mai 1942 in Weimar zum Abtransport einzufinden. Hannelore bestand darauf, sich ihrer Mutter und ihren beiden Brüder anzuschliessen. Sie überlebte als einzige von den vieren.

In Weimar wurden die Juden in einer Viehauktionshalle in der Nähe der Eisenbahnstation untergebracht. In ihren Memoiren erinnert sich Laura Hillman an den „erdrückenden Geruch von Angst, gemischt mit Kuhdunk und Stroh” sowie an das Gefühl der Erniedrigung, schlechter als die Tiere behandelt zu werden, die normalerweise in diesem Gebäude gehalten wurden.

Am dem 10ten Mai wurden sie nach Leipzig transportiert, wo weitere Juden aus Leipzig und anderen Städten und Dörfern Sachsens in die Waggons gepfercht wurden.

Das Ziel der Fahrt blieb den Juden bis zur Ankunft unbekannt. Zunächst sollte der “DA 72” gekennzeichnete Transport der Juden aus Thüringen zum Zwangsarebitslager Trawniki bei Lublin gehen. Er wurde dann zunächst nach Izbica umgeleitet, ehe er das Endziel Bełżyce endlich hatte.

Der Transport mit insgesamt 1.002 Menschen fuhr 1.100 Kilometer nach Bełżyce und kam dort am 12. Mai 1942 an., das Lublin wesentlich näher liegt, erreichte. Möglicherweise wurde so entschieden, um sich verschiedene Optionen offen zu halten: Arbeiten im Majdanek, wohnen im Bełżycer Ghetto und letztendlicher Abtransport zur Ermordung ins Vernichtungslager Sobibor oder Belzec.

YV Belzyce List-13-THEMAR

Archiv der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig, Bestand 2/66, in Statistik u. Deportation

Unter den Personen dieses Transportes  befanden 26 Juden mit Verbindung nach Themar. Fünf lebten in Themar, darunter Max Müller II und seine Frau Clara Müller, geb. Nussbaum. Sie waren die letzten des engeren Familienkreises, die Themar verliessen. Ihre drei Söhne waren zuvor rechtzeitig ausgewandert. Max und Clara konnten nicht auswandern; trotz aller Bemühungen der Familie war kein Land bereit, Max und Clara aufzunehmen. Am 8. Mai 1942 schrieben sie an ihren Sohn Meinhold, der in Schweden lebte:

Lieber Meinhold!
Wie wir bereits schrieben verreisen wir morgen früh mit Familie Neuhaus. Eine Adresse können wir Dir nicht angeben, so bald es uns möglich ist, geben wir Dir unsere neue Adresse an. Inzwischen schreribe an Onkel Max. Da es sehr eilig geht, schreibe ich heute kurz
Viele Grüße Dein Papa.
Innige Küsse Mama

Max war zu diesem Zeitpunkt 58 und Clara 52 Jahre alt.

Die Briefe von Clara und Max Müller an ihre Söhne, Willi und Meinhold sind hier zum Lesen.

Arthur (40 Jahre) und Else Neuhaus (36 Jahre), geb. Grünbaum, mit ihrer fünf Jahre alten Tochter Inge gehörten ebenfalls zum Transport nach Belzyce. Sie waren die ersten der engeren Familie, die deportiert wurden, während Elses Eltern Hugo und Clara Grünbaum, geb. Schloss, vorerst in Themar verblieben. Beide Eltern, über 65 Jahre alt wurden im September 1942 nach Theresienstadt abtransportiert.

Drei Verwandte von Else Neuhaus — Norbert, Max, und Grete Rosenthal — wurden ebenfalls mit dem gleichen Zug abtransportiert. Sie waren die Kinder von Minna Rosenthal, geb. Grünbaum, geboren 1872 in Themar. Die drei Geschwister, die in etwa 30 Jahre alt waren, und Ilse Benjamin, die Frau von Max Rosenthal, stießen von ihrem Wohnort Apolda aus zu dem Transport in Weimar dazu. Minna Rosenthal, die 71-jährige verwitwete Mutter der Geschwister, wurde später imselben Transport wie ihr Bruder Hugo und ihre Schwägerin Klara im September 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Margarete Jäger, geb. Gassenheimer, 1902 in Themar geboren, war die jüngste Tochter von Ernst und Rosa Gassenheimer. Sie wurde von Chemnitz aus deportiert. Ihre zwei Kinder, Ruth Fanni und Johannes, geboren im Jahrgang 1937 wurden mit ihrer Mutter deportiert. 

Die aus Arnstadt kommende Rosa Müller, geb. Freudenberger, 52 Jahre alt, war auf unterschiedliche Weise mit Themar verbunden: Erstens war sie die Witwe von Sigmund Müller, der 1883 in Themar geboren wurde, zweitens war sie die Schwester von Frieda Müller, geb. Freudenberger, die Frau von Max Müller I. Max Müller I und Frieda Müller geb. Freudenberger wurden im September 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Bella Wertheimer, geb. Wertheimer, Tochter von Nathan und Malaien Wertheimer, wurde 1890 in Themar geboren. Sie war die Frau von Milton Wertheimer, der Sohn von Louis u. Emma Wertheimer. Milton ist nach Rotterdam ausgewandert aber Bella blieb in Thüringen in Meiningen. Sie war 52 Jahre alt als sie von Meiningen aus am 9. Mai 1942 deportiert wurde. (Milton Wertheimer ist am 11.Oktober von Amsterdam nach Auschwitz deportiert.]

Es ist schwierig, die Ereignisse nach der Ankunft dort am 12. Mai 1942 zu rekonstruieren. Dr. Reinhold Brunner, der Direktor des Eisenacher Archivs, gibt die plausibelste Beschreibung. Im 2010 erklärt er in einem Interview:

„Die Eisenacher Juden sind wie die gesamten Juden in Thüringen damals in ein kleines Ghetto südwestlich von Lublin gekommen. Lublin war ein Vernichtungslager. Aber das kleine Ghetto in dem die gelebt haben war einfach ein kleines polnisches Dorf mit sehr schlechten hygienischen Bedingungen: Holzhäuser, keine Infrastruktur. Die Leute wurden zusammen gepfercht und hatten überhaupt keine Perspektive mehr. Sie hatten ja immer irgendwie gehofft, sie sollen zum Arbeitseinsatz in den Osten kommen, aber das hat sich einfach als Trugschluss herausgestellt und soweit uns bekannt ist, sind dort viele an Hunger und an den hygienischen Verhältnissen zu Grunde gegangen. Dann wird berichtet, dass die Kinder auf dem dortigen jüdischen Friedhof in Belzyce im Oktober 1943 erschossen worden sind und wer im Oktober 43, nachdem sie schon mehr als ein Jahr dort waren, noch lebte, der ist in das nahe gelegene Vernichtungslager nach Majdanek deportiert worden und ist dort umgebracht worden, wie ihr sicherlich wisst, in den Gaskammern.”

Es gab nur wenige Überlebende und die Deportation im Mai 1942 nach Bełżyce gilt als ein größtenteils unbekannter und „vergessener Transport.” Die Verschleppten gelten als verschollen, so wie auch der Transport selbst – verloren im Schatten der Millionen Toten, die in den nahegelegenen Vernichtungslagern Treblinka, Sobibor und Belzec umgebracht wurden. Nicht zuletzt auch, wegen der Ähnlichkeit der Namen und der räumlichen Nähe der Orte Bełżyce und Belzec, die zu Verwechslungen der Transporte führten.

Jetzt gibt es endlich ausreichend Hinweise, dass der Belzyce-Transport, die Aufmerksamkeit erhält, die ihm gebührt. Private Zeugnisse, wie die Korrespondenz der Familie Müller aus Themar, eine der 40 thüringischen Städte aus denen Juden nach Belzyce deportiert wurden, geben Einblick in schlimme Familienschicksale. 

So wie es auch in vielen anderen Gebieten der Holocaust-Forschung der Fall war, erlaubte die Öffnung der Archive in der ehemaligen DDR die Untersuchung der in Thüringen archivierten Bestände, die weiteren Aufschluss über die Vergangenheit brachten. Ein Ergebnis, das daraus folgt, ist die Möglichkeit der Zuordnung von Todesdaten und Orten derjenigen, die an Hunger im Ghetto starben oder in einem der Todeslager umgebracht wurden. Zudem nimmt die Zahl der Ausstellungen mit Fokus auf diesen Transport zu: So wurde zum Beispiel 2009 in Erfurt die Ausstellung „Deportation nach Bełżyce” eröffnet. In den thüringischen Städten weckte die Wander-Ausstellung „Zug der Erinnerung” die Deportation der Juden aus dieser Region die Aufmerksamkeit. Städte und Dörfer, aus denen Juden an diesem Tag deportiert wurden, sind seitdem besonders aktiv in der sogenannten Stolperstein-Initiative. Besonders hervorzuheben ist hierbei das Engagement der Stadt Arnstadt. Die Stolperstein-Initiative trägt dazu bei, dass der Bełżyce-Transport vor dem Vergessen bewahrt wird.

Quellen:
Bertram, Ellen. Menschen ohne Grabstein: Die aus Leipzig deportierten und ermordeten Juden. Leipzig, 2001, pp. 35- 37.

Brunner, Reinhold. Von der Judengasse zur Karlstrasse: jüdisches Leben in Eisenach. Weimar: Hain. 2003.
Franz, Peter u. Udo Wohlfeld. Jüdische Familien in Apolda: Diffamierung, Ausgrenzung, Entrechtung, Vertreibung,  Deportation, Vernichtung, Ungehorsam: die Apoldaer Judenheit während des Faschismus. Weimar:  Geschichtswerkstatt Weimar/Apolda, 2006.
Gibas, Monika. „Ich kam als wohlhabender Mensch nach Erfurt und ging als ausgeplünderter Jude davon”: Schicksale  1933-1945. Erfurt: LZT, Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen, 2008.
Gottwaldt, Alfred u. Diane Schulle. Die ‘Judendeportationen’ aus dem Deutschen Reich: Eine kommentierte  Chronologie, 1941-1945. Wiesbaden: Marix Verlag, 2005.
Hillman, Laura. I Will Plant You A Lilac Tree. Atheneum, 2005.
Kuwalek, Robert.„Das kurze Leben im Osten: Jüdische Deutsche im Distrikt Lublin aus polnisch-jüdischer Sicht,” in Die Deportation der Juden aus Deutschland: Pläne—Praxis — Reaktionen 1938-1945. hrsg. B. Kundrus u. B. Meyer.  Göttingen: Wallstein, 2004.
Liesenberg, Carsten. „Die Verfolgung und Vernichtung der Juden,” in Nationalsozialismus in Thüringen. Weimar Köln  Wien: Böhlau Verlag, 1995.
Longerich, Peter. Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Verlag: Piper 1998.
Meen, Sharon. ,,Innige Küsse”: Letzte Worte vor der Deportation. 2014.
Rosenfeld, Else und Gertrud Luckner. Lebenszeichen aus Piaski. Briefe Deportierter aus dem Distrikt Lublin 1940. DTV Deutscher Taschenbuch. 1970.
Salinger, Gerhard. Zur Erinnerung und zum Gedenken: die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns. New York: G.  Salinger. 2006.