Die Familie Noa, Minna und Josefine [Sofie] GRÜNBAUM

Noa und Minna waren die ersten aus der Familie Grünbaum, die von Walldorf nach Themar umsiedelten. Sie kamen entweder Ende der 1860er oder Anfang der 1870er mit ihrem Sohn Hugo, der im Jahr 1868 in Walldorf geboren wurde. Die Tochter Minna, geboren im Jahr 1872, kam bereits in Themar auf die Welt. Die Mutter Minna starb 9 Tage nach der Geburt ihrer Tochter und Noa heiratete Josefine (Sophie) Schlesinger aus Walldorf. Josefine und Noa hatten drei weitere Kinder: Beanke, geboren im Jahr 1875, Karl, geboren im Jahr 1876, und Emil, geboren im Jahr 1878. Von den drei Kindern war Karl der einzige, der das Erwachsenenalter erreichte.

Die Familie von Noa Grünbaum lebte mindestens dreißig Jahre lang in Themar. Der Kurzwarenladen, den Noa gründete, befand sich zunächst in der Hintertorstraße 170; heutige Bahnhofstraße. Später verlegte Noa sein Geschäft näher an den Bahnhof – in die Bahnhofstraße 150. Noa starb im Jahr 1901; Josefine starb zwei Jahre später.

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In den 1890er Jahren heiratete Noas Tochter Minna Samuel Rosenthal, einen Viehhändler aus Apolda, und zog zu ihrem Mann. Minna und Samuel hatten eine Tochter Grete, geboren im Jahr 1898; und zwei Söhne: Norbert, geboren im Jahr 1901, und Max, geboren im Jahr 1910. Noas Söhne, Hugo und Karl, blieben mit ihrem Vater in Themar. Im Jahr 1898 heiratete Hugo Klara Schloss, geboren in Schwanfeld, und hatte mit ihr zwei Töchter: Mira, geboren im Jahr 1903, und Else, geboren im Jahr 1905. Karl heiratete im Mai 1904 Hulda Schlesinger, geboren im Jahr 1876 in Wasungen, und hatte mit ihr eine Tochter, Irene, die im Januar 1911 geboren wurde. Leider verstarb das Kind nur wenige Tage nach der Geburt.

Was genau mit dem Warenhaus N.H. Grünbaum Anfang des 20. Jahrhunderts passiert ist, muss noch geklärt werden. Im Normalfall hätte der älteste Sohn, in dem Fall Hugo, das Familiengeschäft erben müssen. Doch es scheint, als hätte Hugo nach dem Tod des Vaters den Laden weiter zusammen mit seinem jüngerem Bruder Karl geführt. Im Jahr 1905, als Jacoby Seckel und seine Frau Bertha, die Tochter von Loeser Grünbaum, von Themar wegzogen, übernahm Hugo den Grünbaum & Seckel Laden. Am 1. Mai 1905 kündigte Hugo die Eröffnung des Ladens unter seinem Namen und den Umzug vom Marktplatz in die Bahnhofstraße 143; fast direkt gegenüber dem Warenhaus N.H Grünbaum.

Karl, der zu dem Zeitpunkt 29 Jahre alt gewesen war, und seine Frau Hulda führten gemeinsam den N.H. Grünbaum Laden weiter. Die zwei Brüder verkauften ähnliche Güter, boten ihren Kunden aber jeweils eine große Auswahl an. Wenn man sich die Werbeanzeigen von damals anschaut, zum Beispiel die Anzeige vom 1. Mai 1905 (siehe unten), kann man sehen, dass die Waren in den beiden Läden sehr ähnlich waren.

Im Jahr 1912 verkaufte Karl Grünbaum sein Geschäft an Markus Rosenberg und zog ein Jahr später mit seiner Frau Hulda nach Erfurt. Damit war im Jahr 1914 nur eine Familie Grünbaum in Themar – Hugo und Klara Grünbaum mit ihren zwei Kindern. Minna und Samuel Rosenthal lebten mit ihren drei Kindern in Apolda. Karl und Hulda Grünbaum waren in Erfurt.

Wie die meisten deutschen Juden, kämpften Karl und Hugo beide im Ersten Weltkrieg für das deutsche Vaterland. Vom Karl Grünbaum wissen wir, dass er im Jahr 1916 als Soldat eingezogen wurde. Als Hugo und Klara die Geburt ihres Sohnes Hans am 12. Februar 1916 bekannt gaben, wählten sie für die Anzeige sehr patriotische Worte.

Nach dem Krieg eröffneten Karl und Hulda mehrere Geschäfte in Erfurt. Sie versorgten auch die kleineren Märkte und reisten deswegen oft in die ländlichen Gegenden. Karl und Hulda hatten zwei Kinder: die Tochter Ilse, geboren im Jahr 1916, und den Sohn Kurt, geboren im Jahr 1921.

Hugo und Klara führten das Hugo Grünbaum Geschäft in Themar. Hugos und Klaras älteste Tochter Mira heiratete zwei Mal. Im Jahr 1929 heiratete Mira Hermann Goldschmidt aus Fulda. Vom Hermann kennen wir zwar den Namen, es ist uns aber nicht bekannt, wann oder warum sich das Paar wieder scheiden ließ. Miras zweiter Ehemann war Arno Sommer (aus der Familie Gassenheimer). Arno wurde in Hildburghausen im Jahr 1896 geboren. Mira und Arno hatten einen Sohn, der im Jahr 1935 in Hannover auf die Welt kam. Die jüngere Tochter von Hugo und Klara, Else, heiratete Arthur Neuhaus, der im Jahr 1901 in Werl geboren wurde. Arthur, der von Werl nach Themar gezogen war, arbeitete zusammen mit seinem Schwiegervater Hugo im Hugo Grünbaum Laden. Hans, das jüngste Kind von Hugo und Klara, das im 1916 geboren wurde, ging in Themar zur Schule.

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Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 die Macht übernahmen, reagierte die Familie Grünbaum wie die meisten deutsch-jüdischen Familien. Sie kümmerten sich zunächst um die Sicherheit ihrer Kinder und dann um ihre eigene Sicherheit. „Sicherheit“ bedeutete zu dem Zeitpunkt Deutschland zu verlassen und entweder in ein anderes Land in Europa zu fliehen, oder am besten, Europa ganz zu verlassen. Hans Grünbaum war der erste, dem die Flucht aus Deutschland gelang. Er verließ Themar am 14. November 1934 im Alter von 18 Jahren und ging nach Palästina. Mira und Arno Sommer gingen am 2. August 1936 zusammen mit ihrem Sohn und Arnos Mutter, Hedwig, die bereits geschieden war, nach Venedig. Höchstwahrscheinlich begannen auch die Familie Rosenthal in Apolda und die Familie Grünbaum in Erfurt ihre Ausreisen zu planen.

Nach der Reichspogromnacht im November 1938 war allen jüdischen Familien in Deutschland endgültig klar, dass das Leben, so wie sie es gekannt hatten, vorbei war. Die Männer aus der Familie Grünbaum, die das 18. Lebensjahr vollendet hatten, wurden während der Reichspogromnacht verhaftet und im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Hugo Grünbaum wurde im Dezember 1938 wieder freigelassen. Karl Grünbaum kam am 8. Dezember wieder frei. Auch die Söhne von Minna und Samuel Rosenthal, Max und Norbert, wurden verhaftet. Norbert wurde im Dezember 1938 freigelassen; Max wurde hingegen bis zum 12. April 1939 in Buchenwald festgehalten. Nur Arthur Neuhaus in Themar und Samuel Rosenthal in Apolda überstanden, wie es scheint, die Reichspogromnacht ohne verhaftet zu werden.

Die Nationalsozialisten „erlaubten“ den Juden bis Oktober 1941 Deutschland zu verlassen. So konnten sich die Kinder von Karl und Hulda retten. Sie gingen nach England, wo sie schon bald den Status „enemy alien“ – feindlichen Ausländers – bekamen. Während Ilse jedoch weiterhin in London leben und als Dienstmädchen arbeiten durfte, wurde ihr Bruder Kurt als gefährlich eingestuft und am 6. September 1940 mit der berüchtigten HMS Dunera nach Australien deportiert. Die drei Kinder von Minna– Grete, Max und Norbert – hatten zwar wahrscheinlich ebenfalls ihre Ausreisepapiere bereit gehabt, waren aber nicht weit genug oben auf der Liste für die Gastländer gewesen, um dort einreisen zu dürfen.

Auf die Angehörigen, die in Deutschland nach September 1941 festsaßen, wartete ein schlimmes Schicksal: Die drei Kinder von Noah – Minna, Hugo und Karl – fünf Enkelkinder mit ihren jeweiligen Ehepartnern, sowie die fünf Jährige Urenkelin, Inge Neuhaus, wurden ermordet. Insgesamt wurden 12 Familienmitglieder deportiert. Die Enkelkinder und Urenkelkinder von Noah wurden im Mai 1942 ins Ghetto Bełżyce deportiert. Hugo, Klara, Minna, Karl und Hulda wurden am 19. September ins Ghetto Theresienstadt, das Ghetto für die „älteren Menschen“ gebracht. Hugo und Klara gehörten zu den letzten jüdischen Menschen, die aus Themar deportiert wurden.

Hulda Grünbaum hat den Krieg als Einzige überlebt. Im Februar 1945 wurde sie mit weiteren 1200 KZ-Häftlingen gegen einen Geldbetrag, der von sämtlichen jüdischen Organisationen an die Nationalsozialisten überwiesen wurde, freigelassen. Hulda nahm sofort den Kontakt zu ihrer Tochter Ilse auf und fuhr ein Jahr später zu Ilse nach England. Nach dem Krieg, im Jahr 1948, fuhren Mutter und Tochter zu Kurt, Huldas Sohn und Ilses Bruder, nach Australien.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die Familie Grünbaum über drei Kontinente verstreut. Hulda Grünbaum und ihre beiden Kinder lebten in der Gegend von Melbourne in Australien. Kurt änderte seinen Namen offiziell auf Ken Green; Ilse blieb zwar weiterhin Ilse, änderte aber ihren Nachnamen nach der Heirat auf Meller. Mira Sommer, die älteste Tochter von Hugo und Klara, war in Italien. Sie, ihr Mann Arno und der gemeinsame Sohn überlebten den Krieg. Arnos Mutter, die zusammen mit ihrem Sohn und Schwiegertochter aus Deutschland geflohen war, wurde allerdings im Jahr 1943 aus Italien ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Im Mai 1948 verließen Arno und Mira Italien und gingen in die USA. Sie zogen nach Massachusetts und blieben dort bis zum Ende ihres Lebens. Hans Grünbaum blieb in Israel, wo er im Jahr 1980 verstarb.

Bis vor kurzem hatten wir noch kaum etwas über die Familie Grünbaum gewusst, doch nachdem wir den Kontakt zu den Enkelkindern von Karl und Hulda in Australien aufgenommen haben, haben wir einiges über die Familie rausfinden können. Lynda Green, die Tochter von Ken Green, hatte zum Beispiel einen Stammbaum, auf dem die Namen ihrer Großeltern und ihrer Urgroßeltern stehen. Mit Hilfe von diesem Stammbaum konnten wir herausfinden, dass die Mutter von Karl Grünbaum Josephine war und dass Josephine die zweite Ehefrau von Noah Grünbaum gewesen ist [die korrekte Schreibweise des Namens fanden wir dem Buch „Ausgelöschtes Leben: Juden in Erfurt 1933 – 1945. Biographische Dokumentation“ von Jutta Hoschek]. Bevor wir diese Information hatten, konnten wir Karl Grünbaum weder der Familie von Noah noch der Familie von Loeser zuordnen.

Mit Hilfe von Lyndas Stammbaum und anderen Dokumenten aus dem Familienarchiv, haben wir außerdem herausfinden können, dass Huldas Eltern Abraham und Fanni Schlesinger hießen. Damit haben wir nun die Namen von einem weiteren jüdischen Paar aus der Großelterngeneration.

Auf der Nachkommenliste stehen die Namen von Menschen aus der Familie von Noa Grünbaum, die in Deutschland vor 1945 geboren wurden. Bitte beachten Sie, dass wir die Schreibweise der Namen entweder, wie im Fall von Josefine, aus alten Dokumenten entnommen, oder, wie im Fall von Noah, ihn gemeinsam mit der Familie bestimmt haben.

Siehe auch: Die Familie von Karl und Hulda, geb. Schlesinger, Grünbaum

Sollten Sie weitere Fragen oder Anmerkungen haben, schreiben Sie uns bitte an Sharon Meen s.meen79@gmail.com oder smeen@mail.ubc.ca. Wir würden uns sehr freuen, von Ihnen zu hören.

Siehe Nachkommenliste von Noa Grünbaum hier.