Die Familie von Nathan & Malwine (geb. Frankenberg) WERTHEIMER

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Quelle: Privat Besitz

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Quelle: Privat Besitz

Nathan Wertheimer und Malwine Frankenberg waren nicht nur der gleiche Jahrgang, 1859, sondern kamen auch im selben Dorf zur Welt, in Marisfeld bei Themar. Beide Familien waren schon seit dem 18. Jahrhundert fest in dem kleinen Ort verwurzelt. Nathans Großvater war Jacob Samuel Wertheimer, geb. 1768; Malwines Großvater war Nathan Jonas Frankenberg, geb. 1770.

Bislang ist nicht bekannt, ob Nathan und Malwine unabhängig voneinander nach Themar zogen oder bereits als Ehepaar. Die Geburtsdaten ihrer Kinder — Julius, geb. 1886, Rosa, geb. 1887, und Bella, geb. 1890 — erlauben den Schluss, dass sie Mitte der 1880er Jahre bereits in Themar gewohnt haben müssen und zwar in der Mangersgasse 85.

Die fünfköpfige Familie zog ungefähr zur Zeit des Ersten Weltkriegs von Themar nach Coburg. Diese Stadt war erheblich größer als Themar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte sie bereits über 20.000 Einwohner, davon 205 jüdischen Glaubens, im Jahr 1925 25.000 bzw. 316. Julius eröffnete eine Fleischerei im Stadtzentrum und Nathan wurde Geschäftsmann. Er handelte u.a. mit Immobilien.

1932 Coburg Adressbuch

Alfred u. Heinz Wertheimer. Quelle: Privat Besitz

Alle drei Kinder heirateten: Julius vermählte sich mit Käthe Meinstein, geb. 1896, im bayerischen Zirndorf. Sie hatten zwei Söhne, Heinz, geb. 1926, und Alfred, geb. 1930. Rosa ehelichte den Kaufmann Jakob Edelmuth aus Beuern (bei Gießen). Die Edelmuths hatten zwei Kinder, Lieselotte, geb. 1913 in Halle/Salle, und Siegbert, geb. 1917 in Coburg. Irgendwann in den 1920er ließen sich im über 200 km nördlich von Coburg gelegenen Dessau nieder, in Anhalt, und zwar in der Franzstraße 3-4. Am 16. März 1921 heiratete Bella ihren Cousin Milton Wertheimer, geb. 1886 in Themar, den Sohn von Louis und Emma (geb. Frankenberg) Wertheimer. Sie lebten in Coburg und Milton reiste häufig von dort an Orte im östlichen Teil Deutschlands. Sein jüngerer Bruder Nathan lebte ebenfalls in Coburg, mit seiner Frau Else, geb. Frankenberg; Edith war die Tochter von Max Frankenberg, Malwines Bruder, geb. 1861 in Marisfeld, und Meta Frankenberg geb. Rosenthal aus Gleicherwiesen. Nathan u. Else hatten ein Kind, eine Tochter namens Edith, geb. 8. Februar 1926 in Coburg.

1926 starb Malwine Wertheimer an den Folgen ihres Diabetes. Sie fand ihre letzte Ruhe auf dem jüdischen Friedhof in Coburg. Im Oktober 1934 zog der 75-jährige Nathan zu seiner Tochter Rosa und ihrem Mann Jakob Edelmuth in Dessau.

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Einige Mitglieder der Familie Wertheimer verließen Deutschland, nachdem das Naziregime an die Macht gelangt war. Am 14. Januar 1936 zog Milton Wertheimer in die Niederlande, wo lebte unter einer Reihe von Adressen in Amsterdam. Julius Wertheimer und seine Familie waren 1936 mit der finanziellen Unterstützung eines Onkels, Joseph Kaltenbacher, die Ersten. Im Jahr 2014, als er Coburg besuchte, hat Alfred Wertheimer erzählt: sein Vater wiollte ,, lange nicht

glauben, dass die Nation, für die er ein Ersten Weltkrieg sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, es wirklich ernst meint mit ihren Parolen von der Judenvernichtung. Zudem hat Julius in die Metzgerei zm Steinweg 53 investiert, das will er nicht einfach zurücklassen. Es ist schliesslich Käthe Wertheimer, die 1936 ein Machtwort spricht. ,Julius, wir gehen!’, sagt sie entschieden zu ihrem Mann, packt die Lieblingstöpfe und Federbetten ein, organisiert vom fernen Onkel in den USA die VISA…und re stet ihrer Familie mit ihrer Entschlossenheit das Leben.

Miltons Bruder Nathan, seine Frau Else und Tochter Edith verließen Deutschland im Februar 1938 in Richtung Argentinien.

Andere flohen erst nach der Reichspogromnacht vom 9. und 10. November 1938. Die qualvollen Ereignisse dieser Nacht ließen die Edelmuths in Holland Schutz suchen. Rosa und Jakob Edelmuth, und Rosas Vater Nathan Wertheimer, flohen im Februar 1939 nach Rotterdam, bevor die Niederlande ihre Grenzen vor den zahlreicher werdenden Flüchtlingen schlossen. In Rotterdam wohnten sie bei ihrer Tochter, Liselotte, und Schwiegersohn, Edwin Meder.

Hohestr. 30. Foto: G. Schuller 2019

Somit verblieb bei Beginn des Zweiten Weltkriegs lediglich Bella in Deutschland. Seit 1935 arbeitete sie in der Küche von ,Hohe 30’, dem Internat für jüdische Jungen, das Hermann Hirsch leitete. Wir wissen nicht, ob sie vorhatte, in die Niederlande zu ihrem Ehemann Milton zu fliehen oder mit finanzieller Unterstützung ihres Bruders Julius in die USA. Am 9. November 1938 wurde die jüdische Schule, in der sie arbeitete und wohnte, geschlossen und komplett zerstört. Der Schulleiter wurde verhaftet und im KZ Buchenwald interniert. Bella verließ Coburg am 7. März 1939 und hielt sich immer wieder abwechselnd in Halle/Saale, Marisfeld /Themar und Meiningen auf. Als die Nazis im Oktober 1941 Auswanderung komplett stoppten, war ihr Schicksal besiegelt. Am 10. Mai 1942 wurde Bella bei einer Razzia in Meiningen festgenommen und anschließend über Weimar in das Ghetto von Belzyce verschleppt. 

Unglücklicherweise bot die Auswanderung in die Niederlande auch Bellas Ehemann und ihrer Schwester keinen dauerhaften Schutz. Nach der Invasion des Landes im Mai 1940 saßen sie in der Falle. Die ersten Jahre der Besatzung durch Nazideutschland waren noch irgendwie zu ertragen, aber am 15. Juli 1942 begannen die Deportationen über das Durchgangslager Westerbork. Die Züge fuhren direkt nach Auschwitz. Am 3. August 1942 starb Nathan Wertheimer. Zwei Monate später, am 3. Oktober 1942 gerieten Rosa und Jakob Edelmuth in eine Razzia in Rotterdam. Sie wurden im Durchgangslager Westerbork sechs Monate lang gefangen gehalten.

Am 22. April 1943 wurden Rosa und Jakob nach Amsterdam gebracht und dann ins Ghetto von Theresienstadt deportiert. Es handelte sich um den ersten Transport von Juden aus den Niederlanden nach Theresienstadt anstatt direkt nach Auschwitz oder Sobibor. Die 286 Menschen auf diesem Transport waren allesamt deutsche Juden, denen vorgegaukelt wurde, sie kämen in eine Siedlung für ältere Menschen mit altersheimähnlichen Einrichtungen. Milton Wertheimer, der sich nach wie vor in Amsterdam aufgehalten hatte, befand sich ebenfalls auf diesem Transport.

Das Versprechen eines Altersheims im Ghetto war eine Täuschung. Am 6. September 1943 wurden Rosa und Jakob vom Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz gebracht. Dort wurden sie am 9. März 1944 ermordet. Milton blieb bis zum 9. Oktober 1944 in Theresienstadt. Dann wurde er nach Auschwitz gebracht und dort bei der Ankunft ermordet. Rosa wurde 56 Jahre alt, Jakob 60 und Milton 58.

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Foto: G. Schuller, 2019

Nach dem Krieg wurde auf dem jüdischen Friedhof in Coburg für Malwine Wertheimer ein Grabstein errichtet. Seltsamerweise erwähnt er zwar Bella (geb. Wertheimer) und Milton Wertheimer, aber nicht Rosa oder Julius. Wir haben bislang nicht in Erfahrung bringen können, wer den Grabstein bezahlt hat, wann und warum. Die Auskunft über Bellas Schicksal ist nicht richtig und die Information zu Milton unvollständig. Es ist anzunehmen, dass zum Zeitpunkt seiner Errichtung keine besseren Erkenntnisse vorlagen. Es hat sehr lange gedauert, bis der Transport ins Ghetto von Belzyce dokumentiert und offiziell anerkannt wurde.

In den USA angekommen, lebte die Familie von Julius Wertheimer in der Stadt New York. Die Familienerinnerung beschränkte sich im Wesentlichen auf Coburg, wo Heinz und Alfred geboren worden waren und aufwuchsen. Ihr Großvater väterlicherseits, Nathan, lebte vor seinem Umzug nach Dessau bis 1934 bei ihnen in Coburg, weswegen die Jungen möglicherweise selten oder nie nach Themar fuhren, um Verwandte zu besuchen. Es ist denkbar, dass sie nie von Themar gehört haben.

Zu Jahresbeginn 2013, als eine Enkelin von Julius Wertheimer uns kontaktierte, war sie von den Informationen über Wurzeln ihrer Familie in Marisfeld /Themar überrascht. Sie schrieb:

Pamela Wertheimer, mitte im Bild. Quelle: Privat Besitz.

 „Ich bin vor ein paar Wochen über diese Website gestolpert, als ich Nachforschungen über Coburg anstellte, den Geburtsort meines Vaters Henry Wertheimer. Lange Zeit hatte ich keine Ahnung davon, dass die Geschwister meines Großvaters im Konzentrationslager gestorben waren. Ich wusste nicht einmal, dass er überhaupt Geschwister hatte. Mein Vater starb 1991. Mein Onkel Alfred Wertheimer ist noch am Leben und erfreut sich mit 83 Jahren guter Gesundheit. Er kann sich nicht daran erinnern, dass sein Vater Geschwister hatte … ”

 Über Informationen oder Fragen bezüglich der Familie von Nathan und Malwine Wertheimer (geb. Frankenberg) würden wir uns sehr freuen. Wenden Sie sich bitte an Sharon Meen @ s.meen79@gmail.com oder smeen@mail.ubc.ca.

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  Unten stehend befindet sich die Nachkommenliste mit den Daten der Familienmitglieder von Nathan und Malwine Wertheimer.

  • Nathan WERTHEIMER, geb. 18 Okt 1859 Marisfeld, 1939 nach Amsterdam, gest. 03 Aug 1942 Amsterdam
  • ∞ Malvine FRANKENBERG, geb. 19 Okt 1859 Marisfeld, gest. 02 Okt 1926 Coburg
  •      1. Julius WERTHEIMER, geb. 27 Mai 1886 Themar, 1936 nach Amerika, gest Jul 1971 NY/NY
  •      ∞ Käthe MEINSTEIN,geb. 19 Feb 1896 Zirndorf, 1936 nach Amerika, gest 12 Aug 1990  NY/NY
  •           2. Heinz WERTHEIMER, geb. 18 Mai 1926 Nürnberg, 1936 nach Amerika, gest. 03 Sep 1991 NY/NY
  •           2. Alfred WERTHEIMER, geb. 16 Nov 1929 Coburg, 1936 nach Amerika, gest 19 Okt 2014 NY/NY
  •      1. Rosa WERTHEIMER, geb. 07 June 1887 Themar, 1939 nach Amsterdam, ermordet 09 Mar 1944 Auschwitz
  •      ∞ Jakob EDELMUTH, geb. 14 Jan 1884 Beuern, 1939 nach Amsterdam, 09 Mar 1944 Auschwitz
  •           2. Liselotte EDELMUTH, geb. 15 Sep 1913 Halle/Saale, 1933 in der Niederlande, 1952 nach Süd Afrika, gest. Süd Afrika
  •           ∞ Erwin MEDER, geb. 24 Mai 1906 Frankfurt a/Main, 1926 in der Niederlande, 1952 nach Süd Afrika, gest. Süd Afrika.
  •           2. Siebert EDELMUTH, geb. 1917 Coburg, gest. 03 Sep 1981 Süd Afrika.
  •      1. Bella WERTHEIMER, geb. 17 Dec 1890 Themar, ermordet 1942-3/Belzyce Ghetto, Distrikt Lublin
  •      ∞ Milton WERTHEIMER, geb. 17 Mar 1886 Themar, 1936 nach Amsterdam, ermordet 11 Okt 1944 Auschwitz

Danksagung: Unser herzlicher Dank gilt
1. der Familie von Julius Wertheimer, die Informationen zur Verfügung stellte, Dokumente und Fotos der Unterlagen aus dem Stadtarchiv Coburg;
2. Dr. Bernd Ulbrich aus Dessau sowie der Initiative Werkstatt Gedenkkultur Stolpersteine für  Dessau-Roßlau;
3. Frau S. Rodriguez Pereira, ehrenamtlicher Mitarbeiterin beim Dutch Digital Monument, für die Informationen über Milton Wertheimer in Amsterdam.
4. Frau Lisa van de Beek für die Informationen über Milton Wertheimer, Rosa u. Jacob Edelmuth in Holland.
5. Frau Gabriele Schuller aus Coburg für Fotos, Recherche über die Familien Frankenberg und Wertheimer in Coburg.

Quellen:
Alemannia Judaica: Jüdische Friedhöfe in Oberfranken: Coburg.
Ancestry.com. U.S., World War II Draft Registration Cards, 1942 [online Datenbank]. Provo, UT, USA: Ancestry.com Operations, Inc., 2010.
Deutsches Bundesarchiv, Gedenkbuch.
Gedenkkultur Dessau-Roßlau.
,,Elvis’ Fotograph Alfred Wertheimer: Reise in die Vergangenheit,” The Memphis Flash, 30 Januar 2015
Stadtarchiv Coburg. Registerblatt für das Wohnungsregister Coburg.
Werkstatt Gedenkkultur. STOLPERSTEINE für Dessau-Roßlau Ein Beitrag zur lokalen Gedenkkultur. Dessau, 2008.