Die Familie von Hugo & Eva (née Kahn) FRIEDMANN

 

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c. Yad Vashem

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c. Yad Vashem

Die Familie von Hugo und Eva, geb. Kahn, Friedmann war in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sehr wichtig für jüdische Gemeinde in Themar. Hugo arbeitete als Religionslehrer in der Gemeinde, die sich zu der Zeit im Aufschwung befand. Seit ihrer Gründung Anfang der 1860er Jahre kamen immer mehr jüdische Menschen nach Themar, sodass am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Gemeinde über 100 Mitglieder hatte. Dabei war die Familie Friedmann für das religiöse und kulturelle Leben in der Gemeinde zuständig.

Eva Kahn wurde im Jahr 1877 in Medernach, in Luxemburg, geboren. Sie war die Tochter von deutsch-jüdischen Eltern, die jeweils aus den kleinen Dörfern, Wawern und Bosen, kamen. Die Familie Kahn war hauptsächlich im Viehhandel tätig und war seit etwa Mitte der 1800er sehr bekannt in Medernach. Eva war das älteste von insgesamt 9 Kindern, die Nathan Kann mit seiner ersten Frau Sarah Levi (1855-1889) und seiner zweiten Frau Mathilde Kahn (1863-1921) hatte. Soweit uns bekannt ist, sind mindestens zwei Kinder Louis (1883-1885) und Cecile (1886-1886) im Kindesalter gestorben. Möglicherweise lebten auch Theresa, geboren im Jahr 1883, und Herrmann, geboren im Jahr 1885, nicht bis zum erwachsenen Alter.
(Für mehr Information über die Familie von Eva Kahn, besuchen Sie bitte Eva Friedmann und Die Nachkommen von Berman und Rosa, geb. Hertz Kann)

Hugo Friedmann wurde im Jahr 1876 als fünftes Kind von Salomon, einem Lehrer, und Johanna geboren. Er hatte zwei Schwestern, Klothilde und Adèle, und einen Bruder, Adolf. Hugos anderer Bruder Louis starb als Einjähriger nur zwei Monaten vor Hugos Geburt. Obwohl Hugo in Neu-Ulm geboren wurde, wuchs er höchstwahrscheinlich in Illingen, im Kreis Neunkirchen in Saarland, auf, wo sein Vater vom Jahr 1885 bis zum Jahr 1895 unterrichtet hatte.
(Für mehr Information über die Familie von Hugo Friedmann, besuchen Sie bitte Hugo Friedmann, and Die Nachkommen von Salomon und Johanna Friedmann.

Hugo trat beruflich in die Fußstapfen seines Vaters und begann am 1. Oktober 1892 sein Studium bei dem Königlichen Schullehrer-Seminar in Würzburg an. Er schloss das Studium im Juli 1895 erfolgreich ab und kehrte zurück nach Illingen für seinen ersten Job. Ein Jahr später bekam Hugo eine Stelle in Schweich, einer kleinen Stadt mit etwa 90 jüdischen Einwohnern und zog dorthin. In Schweich arbeitete Hugo als Lehrer, Kantor und Schächter. Anfangs hatte Hugo nur 17 jüdische Schüler, später, im Jahr 1897 waren es 20 Schüler – 15 Mädchen und 5 Jungen. Nach der Einschätzung des Bezirksinspektors hatte Friedmann zwar einen ausgezeichneten Ruf, jedoch waren seine Fähigkeiten verbesserungswürdig. Im April 1898 verließ Hugo Schweich und zog nach Wetzlar.

27 July 1900 Lehrer ad

27. Juli 1900 Anzeige Quelle: alemannia-judaica

Wir vermuten, dass Hugo am 1. Oktober 1900 nach Themar kam, als die jüdische Gemeinde einen Religionslehrer, Kantor und Schächter brauchte. Diese Stelle wurde am 27. Juli 1900 in der Israelit ausgeschrieben.

Synagogue Themar

Synagoge Themar. Stadtarchiv Themar

Nachdem Hugo und Eva am 1. Januar 1902 geheiratet hatten, nahm Eva die deutsche Staatsangehörigkeit an und zog zu Hugo nach Themar. Ende 1902 bekam das Paar ihr erstes Kind, die Tochter Johanna. Bruno, das jüngste Kind, kam am 15. Oktober 1908 zur Welt.

Die Stadt Themar befand sich zu der Zeit im Aufschwung und hatte eine wachsende Bevölkerung. Während im Jahr 1885 nur 1782 Menschen in der Stadt lebten, waren es im Jahr 1905 2756 Einwohner. Auch die jüdische Gemeinde wuchs. Zwischen den Jahren 1885 und 1900 verzeichnete das jüdische Geburtsregister 50 Geburten. Leider starben jedoch einige der Kinder kurz nach der Geburt.

Die Familie Friedmann lebte in der Oberstadtstraße, der heutigen Ernst-Thälmannstraße 17. Hugo und Eva hatten damals wahrscheinlich ihre Hände voll, wenn man bedenkt, dass sie vier kleine Kinder hatten, und dass Hugo für den allgemeinen Unterricht in der öffentliche Schule in Themar sowie für den Religionsunterricht an der jüdischen Schulen in Themar und Marisfeld zuständig war. Dazu kam noch das koschere Schächten für die jüdische Gemeinde in Themar mit rund 100 Mitgliedern sowie für die jüdische Gemeinde in Marisfeld mit weiteren 30 Mitgliedern.

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Leider findet man nicht allzu viel über das Leben der Familie Friedmann in Themar, doch diese Anzeige in der Themarer Zeitung aus dem Jahr 1905 ist eine der Spuren, die sie hinterlassen hatten. „[zum Verkaufen] Henne mit 14 Kücken, Lehrer Friedmann.“ Die Adresse hat man nicht drucken brauchen!

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Hugo Friedmann 1909 Themar

Gift to Hugo Friedmann, 1909 Courtesy: Henri Friedmann

Im Jahr 1909 nahm Hugo Friedmann eine Stelle in Berncastel-Cues an der Mossel an, und die Familie zog weg aus Themar. Zum Abschied erhielt Hugo von der jüdischen Gemeinde einen Krug, auf dem folgende Worte eingraviert waren: „Zur Erinnerung von seiner Gemeinde Themar.“

Berncastel-Cues an der Mosel war eine kleine Stadt mit rund 4500 Einwohnern, gelegen etwa 91 km von der deutsch-luxemburgischen Grenze entfernt. Mit dem Umzug waren Hugo und Eva nun näher bei ihren Familien. Hugos älteste Schwester, Klothilde, lebte in der Luxemburg-Stadt mit ihrem Mann, Arthur Wolff, und zwei Kindern, Johanna/Jeanne und Léon. Auch Hugos jüngerer Bruder, Karl, lebte in Luxemburg, bzw. zog dorthin kurz nach Hugos Umzug. Jedenfalls kam Karls Sohn, Richard, im Jahr 1912 bereits in Luxemburg auf die Welt. Adèle Friedmann lebte mit ihrem Mann, Maurice Kouperman, ihrem Sohn, Henri Richard, und ihrer Tochter, Olga, in Brüssel. Auch Evas Familie war nicht weit. Evas Vater, Nathan, lebte in Medernach mit Evas Stiefbrüdern. Albert war zu dem Zeitpunkt vierzehn und Otto acht Jahre alt. Evas 30 Jahre alter Bruder, Emile, arbeitete im Bergbau.

Bernkastel-Cues

Wie in Themar war Hugo auch in Berncastel-Cues für die kleineren jüdischen Gemeinden in der Nachbarschaft zuständig: Es waren die Gemeinde in Lösnich, die im Jahr 1909 28 jüdische Menschen zählte, die Gemeinde in Rachting mit 34 jüdischen Einwohnern im Jahr 1929 und die Gemeinde in Zeitlingen mit 25 jüdische Einwohnern im Jahr 1924. Im Gegensatz zu Themar, wo immer mehr jüdische Menschen hinzogen, schrumpfte die jüdische Gemeinde in Berncastel-Cues. Das lag entweder daran, dass die Juden in die größeren deutschen Städte umzogen, oder, dass sie Deutschland ganz verließen. Während die jüdische Gemeinde in Berncastel-Cues somit im Jahr 1866 ihren Höchststand mit 110 Mitgliedern erreicht hatte, waren es im Jahr 1909 nur noch 82 Mitglieder.

Die Familie Friedmann lebte in der Burgstraße 7 in dem Synagogengebäude. Hier zogen Hugo und Eva ihre vier Kinder groß. Mitte der 1920 Jahre heiratete die älteste Tochter, Johanna, Karl Lang aus Frankfurt am Main und zog zu ihrem Mann. Das Paar hatte zwei Kinder, Wilma und Werner.

H. Friedmann 1929 Publication

Hugo Friedmann veröffentlichte mehrere wichtige Bücher; zunächst im Jahr 1927 die Festschrift zur Feier des 75-jährigen Bestehens der Synagoge in Bernkastel-Kues „Die Jüdische Gemeinde in Berncastel-Cues: ein geschichtlicher Rückblickund dann im Jahr 1929 die Verstorbenenlisten der jüdischen Gemeinden der Mittelmosel von Wintrich bis Enkirch, Bernkastel-Cues.

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Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 an die Macht kamen, war die Familie Friedmann vollständig in Deutschland. Hugo und Eva lebten in Bernkastel-Cues, wie die Stadt zu dem Zeitpunkt hieß (siehe unten). Die jüdische Gemeinde hatte inzwischen nur noch 59 Mitglieder, was bedeutete, dass Hugo nur noch 2 Schüler zum Unterrichten hatte. Johanna lebte mit ihrer Familie in Frankfurt-Niederrad; Sitta lebte bei den Eltern, bis sie im Dezember 1934 Ernst Lewin heiratete. Ernst wurde im Jahr 1895 in Falkenburg geboren und war ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann mit mehreren Verdiensten aus dem Ersten Weltkrieg. Nach der Hochzeit zog Sitta zu ihrem Mann nach Falkenburg – eine kleine Stadt mit etwa 8 600 Einwohnern – und brachte im Oktober 1935 den Sohn, Joachim, zur Welt.

Der Familie Friedmann war durchaus bewusst, dass die Machtübernahme der Nationalsozialisten nichts Gutes bedeutete. Friedrich war der erste, der Deutschland verließ und im Jahr 1933 nach Brüssel zu seiner Tante, Adèle Kouperman, geb. Friedmann, zog. In Brüssel arbeitete Friedrich für das Kouperman Unternehmen. Drei Jahre später verließen auch Johanna, die älteste Tochter von Hugo und Eva, und Bruno, das jüngste Kind in der Familie, Deutschland und immigrierten nach Südafrika. Johanna war die erste, die mit ihrer Familie nach Südafrika ging. Bruno folgte ihr ein paar Monate später. Interessanterweise war Brunos zukünftige Frau, Vera Marcus, geboren im Jahr 1912 in Primasens, auf demselben Schiff wie Bruno, allerdings hatten sich die beiden wohl erst später kennengelernt. „Mein Mutter Vera“, erzählt uns Veras Tochter „kam mit der Stuttgart nach Südafrika zusammen mit ihren Eltern, Hugo und Flora Marcus, und ihrem Bruder, Paul Marcus. Die Eltern von meiner Mutter hatten eine Schuhfabrik in Primasens und waren wohlhabend, was ihnen vermutlich geholfen hatte, sich die Freiheit von den Nationalsozialisten zu erkaufen.“

Spätestens im Juli 1938 beschlossen Hugo und Eva Deutschland zu verlassen und nach Luxemburg zu ziehen. Zu dem Zeitpunkt gab es nur noch 13 jüdische Menschen in Bernkastel-Cues und sie alle versuchten einen Weg zu finden, aus Deutschland zu fliehen. Am 4. Juli beantragte Karl, Hugos Bruder, der seit 1934 verwitwet gewesen war, für Hugo und Eva ein 10-tägiges Besuchervisum für Luxemburg. Selbstverständlich hatten die beiden nicht vor, Luxemburg wieder zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren, doch wie eine Überprüfung der Gendarmerie am 7. Juli ergab, hatten Hugo und Eva zwar ein Konto in einer luxemburgischen Bank, allerdings handelte es sich dabei, wie Hugos Enkelsohn schreibt, um eine sehr kleine Summe. „Es wäre nicht genug gewesen, um 1000 Jahre in dem Land zu überdauern; so lange, wie ein kleiner Mann mit einem Schnurrbart geschrien hatte, dass sein Reich fortbestehen würde“. Erst nachdem Karl Friedmann eine Verpflichtungserklärung für die beiden abgegeben hatte, erhielten sie das 10tägige Besuchervisum. Am 10. Oktober 1938, einen Monat vor der Reichspogromnacht, in der die Synagoge in Bernkastel-Kues und damit auch das Gebäude, in dem die Familie Friedmann dreißig Jahre lang gelebt hatte, zerstört wurde, verließen Hugo und Eva Deutschland und zogen nach Luxemburg. Wie aus der Anmeldeerklärung hervorgeht, die am 24. Oktober 1938 ausgestellt wurde, zog das Ehepaar nach Ettelbruck in die Nordstraße. Ettelbruck war nicht weit von der Luxemburg-Stadt entfernt, wo Hugos Geschwister, Karl Friedmann und Klothilde Wolff, jeweils mit ihren Familien lebten. Sie waren außerdem nicht weit von Esch, wo Evas Bruder, Emile, und zwei von ihren Stiefbrüdern mit ihren Familien lebten.

Nachdem Hugo und Eva nach Luxemburg kamen, versuchten sie ihre Tochter Sitta, Sittas Ehemann, Ernst, und Sittas Sohn, Joachim, zu sich zu holen. Anfang November, kurz vor der Reichspogromnacht, erhielt Karl Friedmann die Anfrage, ob er der finanzielle Garant für die drei sein könnte. Karl antwortete, dass er zwar selbst nicht über die nötigen Mittel verfügte, allerdings, dass seine Schwester, Adèle Kouperman, die in Brüssel lebte, eine Verpflichtungserklärung abgeben könnte. Da die Behörden jedoch eine Verpflichtungserklärung aus einem Drittland nicht akzeptieren konnten, wurde den drei Flüchtlingen das Visum verweigert.

Somit saßen Sitta und ihr Mann in Deutschland fest. Ernst Lewin wurde während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November verhaftet und mit weiteren 6 000 Juden ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Ernst kam nach mehr als einem Monat, am 17. Dezember 1938, wieder frei.

Die Zeit in Sachsenhausen hatte Ernst wachgerüttelt. „Ernst war ein Held des Ersten Weltkrieges“ erinnerte sich später ein Neffe von Ernst, Henri Friedmann, an die Worte seines Vaters „Er hatte für den Kaiser gekämpft und wurde mit mehreren Kriegsorden ausgezeichnet. Er war daher davon überzeugt, dass die schlimmen Dinge die anderen Juden widerfuhren, ihm und seiner Familie erspart bleiben würden. Als Veteran des Ersten Weltkriegs glaubte Ernst, dass er ein Ausnahmefall war“.

Sitta Lewin 1939

Am 3. Januar 1939 reichte Ernst beim Stadtsamt Themar eine Bestätigung ein, dass Sitta gemäß der Reichsverordnung den Zusatznamen „Sara“ angenommen hatte. Quelle: Stadtarchiv Themar

Männern, die aus der Gefangenschaft nach der Reichspogromnacht entlassen wurden, wurde nahe gelegt, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen, und es gibt Dokumente aus der Zeit, als Ernst und Sitta versucht hatten nach Luxemburg auszuwandern. Am 10. Januar 1939 wurde allerdings Hugo und Eva mitgeteilt, dass sie selbst als Flüchtlinge, keine anderen Flüchtlinge aus Deutschland nach Luxemburg bringen konnten.

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Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war die Familie Friedmann in der ganzen Welt zerstreut. Johanna und Bruno waren in Südafrika; Sitta war in Deutschland; Hugo und Eva waren in Luxemburg und Friedrich war in Brüssel.

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Sitta und ihre Familie waren die Ersten, die die Folgen der Naziherrschaft zu spüren bekamen. „Kurz nach dem Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges wurden Sitta und ihre Familie dazu gezwungen nach Lubin umzuziehen“. Das schreibt Sittas Neffe, Henri Friedmann, in der Zeugenaussage für Yad Vashem. Der sogenannte „Lubin Plan“ war der erste Schritt, den die Nationalsozialisten unternahmen, um Deutschland judenfrei zu machen. Die Idee hinter der Umsiedlung war es, die Juden zunächst aus Deutschland, und damit aus dem Blickfeld der deutschen Nichtjuden wegzubringen. Nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Die erste Region, die judenfrei gemacht werden sollte, war Vorpommern, wo die Familie Lewin lebte.

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Source: Yad Vashem

Im Februar 1940 wurden 1 000 deutsche Juden aus den Städten Stettin und Schneidemühle nach Lubin gebracht. Da die Nazibehörde in Lubin jedoch bereits damit ausgelastet war, die polnischen Juden in den Ghettos „unterzubringen“, weigerten sich die Beamten, eine große Zahl der deutschen Juden in ihrem Sektor aufzunehmen und schickten die Menschen wieder zurück nach Deutschland. Doch die Behörden in Pommern gewährten den Juden auch nicht die Einreise und schickten sie weiter nach Berlin, wo sie bis zu der Deportation „toleriert“ wurden. Die Familie Lewis wohnte in Spandau in der Grenadierstraße 4a.

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Progress_wehrmacht_lux_May_1940Nachdem die deutsche Wehrmacht am 10. Mai 1940 bei dem sogenannten Westfeldzug die Niederlande, Belgien und Luxemburg besetzt hatte, waren nun auch andere Mitglieder der Familie Friedmann in Gefahr.

Friedrich Friedmann „wurde von der belgischen Polizei in Brüssel mit vielen anderen Flüchtlingen aus Deutschland verhaftet. Die Belgier machten dabei keinen Unterscheid zwischen den Anti-Nationalsozialisten und anderen Flüchtlingen, die unter Umständen Reichsagenten hätten sein können. Da die Wehrmacht sehr schnell vorankam, wurden die Häftlinge einfach nach Frankreich gebracht, wo mein Vater zwei Jahre lang in zwei französischen Internierungslagern, Saint-Cyprien und Gurs, gefangen war, und von der französischen Gendarmerie bewacht wurde.“

Hugos Schwester Adèle floh mit ihrer Familie nach Südfrankreich. Adèle zog zu ihrer Tochter, Olga, und ihrem Schwiegersohn, Paul Bernheim, nach Cahors. Richard Kouperman floh zunächst nach Montauban.

Nachdem Luxemburg als Teil der Trier-Koblenz Region an Deutschland angeschlossen wurde, war es den Juden zunächst erlaubt gewesen auszuwandern. Die Menschen wurden sogar dazu ermutigt, das Land zu verlassen. Nach dem 8. August 1940 verließen somit 2 500 Juden Luxemburg. Die meisten von ihnen gingen in die nicht besetze Zone in Frankreich. Die Kinder von Klothilde Wolff, Johanna Deutsch, Léon Wolff und dessen Frau Sophie, zogen nach Béziers. Karl Friedmanns Sohn, Richard, seine Frau und die gemeinsame Tochter fuhren – mit der Unterstützung des luxemburgischen Gauleiters – mit dem Bus nach Lissabon, von wo aus sie nach Kuba weiterreisten. Im Gegensatz zu seinem Sohn und dessen Familie, beschloss Karl nicht nach Kuba mitzukommen und stattdessen in Luxemburg zu bleiben. Als ein Veteran des Ersten Weltkrieges war er davon überzeugt, dass ihm persönlich nichts passieren würde.

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Die Schoah war verheerend für die Familie Friedmann. Nachdem, am 15. Oktober 1941, den Juden verboten wurde, Luxemburg zu verlassen, fand am nächsten Tag die erste Deportation statt. Hugo, Eva, Karl, Evas Brüder und deren Familien waren alle auf einem Transporter. Niemand überlebte. Vermutlich waren sie alle ein Jahr später bereits tot.
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Am 3. Oktober 1942 wurden auch Sitta, Ernst und Joachim Lewin aus Berlin ins Ghetto Theresienstadt deportiert.

Sitta Lewin:Theresienstadt

Transport List, 3 October 1943 Berlin to Theresienstadt

Sitta war die erste, die „gestorben“ war. Sie „starb“ am 22. Februar 1943 an Typhus. Das geht aus ihrer Sterbeurkunde sowie aus dem sehr detaillierten ärztlichen Attest hervor, die jeweils in dem Archiv in Theresienstadt aufbewahrt wurden. Ernst und sein Sohn Joachim blieben danach noch weitere anderthalb Jahre im Ghetto Theresienstadt und wurden dann — zwei Jahre, nachdem sie aus Berlin deportiert wurden — vom Ghetto Theresienstadt nach Ausschwitz gebracht. Wenn man bedenkt, wie klein Joachim zu dem Zeitpunkt gewesen ist, wurden die beiden wahrscheinlich sofort nach ihrer Ankunft am 9. Oktober 1944 ermordet.

Von Henri Friedmann wissen wir ein wenig über das Schicksal derjenigen, die in Frankreich gewesen waren:

„Meinem Vater gelang im Jahr 1942 endlich die Flucht und er ging zurück nach Brüssel, wo er Hilfe bekam. Mein Vater entkam nur Wochen, bevor Pétains Regierung damit angefangen hatte, ihre Gefangenen an die Deutschen auszuliefern. Was ich witzig finde, ist, dass mein Vater im Jahr 1940 in Brüssel von der Stadtpolizei festgenommen wurde, und dass es im Jahr 1942 ein Stadtbeamte in Brüssel gewesen ist, der ihm einen falschen, wohl aber einen offiziellen Ausweis aushändigte. Der Ausweis, den mein Vater erhielt, hatte einen Eintrag vom Einwohnermeldeamt, was es unmöglich machte, die Fälschung zu entlarven. Ich meine, dass die ehemaligen Mitarbeiter der Kouperman Fabrik, die ihre Jobs noch hatten, sahen es offenbar als ihre Pflicht, Frau Koupermans Neffen aus der Not zu helfen.

 Im Jahr 1945 war für die belgischen Behörde (diejenigen, die meinen Vater im Jahr 1940 festgenommen hatten) den Raub seiner deutsche Staatsbürgerschaft auf deutschen Rassengesetze jetzt illegal. Für die Belgier war mein Vater immer noch ein Deutscher, aber es gab nun zwei Kategorien für deutsche Staatsbürgerschaft: Feinde und Nichtfeinde. Mein Vater erhielt einen neuen Ausweis mit seinem richtigen Namen (nicht mehr Frédéric François sondern Friedrich Friedmann) und hatte die Staatsbürgerschaft „Allemand non ennemi/Deutscher Nichtfeind).“

Adèle Kouperman und ihre Familie lebten in mehreren kleinen französischen Städten und wurden eine Zeitlang von den französischen Widerstandskämpfern geschützt. Als die Verhaftungen jedoch auch in der Südzone zunahmen, „empfahl jemand der Familie nach Saint-Géry zu gehen und dort die Familie Décremps ausfindig zu machen, die ihrerseits über die Ankunft der Familie Kouperman informiert wurde.“ Louis Jules Décremps, ein Mechaniker und außerdem der Bürgermeister von Saint-Géry, hatte eine Frau, Eugénie, und zwei oder drei Kinder. In den Akten in Yad Vashem steht Folgendes:

Louis händigte Richard sofort die falschen Dokumente aus (der Name wurde auf Delporte geändert). Er machte das gleiche für Richards Verwandte, damit auch diese sich sicherer fühlen konnten. Richard, der noch sehr jung war, war am meisten in Gefahr und wurde versteckt. Die Familie Décremps schickte ihn zu der Familie Dols, die als Farmer bei ihren Bekannten in Bouziès-Bas arbeiteten und lebten. Die Familie Dols gab Richard einen Job. Eugénie Décremps nahm es dann auf sich, einen Teil von Richards Gehalt dessen Verwandten in Cahors zu schicken, und so deren Lebensunterhalt zu finanzieren. Durch diese Vermittlungen und die vielen Reisen blieb die Familie ständig im Kontakt. Die Familie Décremps gehörte der Résistance an und wurde als solche über die polizeilichen Aktivitäten informiert. Als Louis und Eugénie erfuhren, dass die Familie Dols durch Richard in Gefahr kam, ließen sie den Jungen schnell an einem anderen sicheren Ort .verschwinden’.

Am 5. Mai 1944 hatten vier Mitglieder der Familie Kouperman, die in Cahors waren, Pech und wurden verhaftet. Richard wollte daraufhin hingehen und anbieten, gegen seine Familie eingetauscht zu werden. Doch die Familie Décremps konnte ihn von diesem Plan abbringen und ihn davon überzeugen, dass niemand, unter gar keinen Umständen, freigelassen werden würde und dass Richard mit diesem Schritt nur ihre Familie in große Gefahr bringen würde. So blieb Richard bei der Familie Dols, bis Frankreich befreit wurde. Am 2. Juni 2003 erhielten Louis Jules und Eugénie Décremps von Yad Vashem die Ehrung der „Gerechter unter den Völkern“

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren drei Kinder von Hugo und Eva Friedman noch am Leben: Friedrich und seine Frau Chana waren in Brüssel. Johanna mit ihrer Familie und Bruno mit seiner Ehefrau Vera, die er im Jahr 1944 geheiratet hatte, lebten in Südafrika. Von Evas Geschwistern überlebte niemand. In Hugos Familie hatten hingegen mehrere Menschen den Krieg überlebt. Olga Bernheim überlebte Auschwitz und kehrte zurück nach Brüssel. Auch Olgas Bruder, Richard Kouperman, kam zurück nach Brüssel, wo er Ruth Sternberg heiratete und mit ihr zwei Töchter hatte. Richard Friedmann und seine Familie — die zweite Tochter wurde im Jahr 1941 geboren — kamen zurück nach Luxemburg. Klothilde Wolff, ihr Ehemann, ihr Sohn und ihre Schwiegertochter kamen ebenfalls wieder nach Luxemburg zurück, wo sie bis zum Ende ihres Lebens geblieben waren.

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Im Jahr 2008 wurden Stolpersteine für die Familie von Hugo und Eva Friedmann in Bernkastel-Kues verlegt. Zu der Verlegung kamen Familienangehörige aus Brüssel und aus Südafrika. (Einen kurzen Fernsehbericht dazu kann man sich hier anschauen.)

Wir hoffen, dass die Zeit, die Hugo und Eva in Themar verbracht hatten, zu einer glücklichen Zeit in ihrem Leben gehört hatte. Wir hoffen außerdem, dass diese Seite dazu dienen wird, die Familie von Hugo und Eva Friedmann zu ehren und ihren Beitrag zu dem Leben der jüdischen Gemeinde in Themar anzuerkennen.

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Hier ist die Nachkommenliste der Familie von Hugo und Eva Friedmann, die in Deutschland geboren wurden:

  • Hugo FRIEDMANN, geb. 01 Mär 1876 Neu-Ulm, ermordet 13 Jun 1942 Litzmannstadt (Lodz) Ghetto
  • ∞ Eva KAHN, geb. 19 Jun 1877 Medernach/Luxemburg, ermordet 04 Mai 1942 Litzmannstadt (Lodz) Ghetto
  •      1. Johanna Sara FRIEDMANN, geb. 21 Dez 1902 Themar, gest. 11 Mai 1970 Johannesburg/SA
  •      ∞ Karl LANG, geb. 17 Dez 1899 Frankfurt, gest. 1963 Köln/Cologne (while visiting)
  •           2. Wilma LANG, geb. 20 Feb 192? Frankfurt, gest. 15 Aug 1994 Johannesburg/SA
  •           ∞ Kurt KAHN/CAYE, geb. 10 Jun 1911
  •           2. Werner Heinz LANG, geb. 27 Jan 1927 Frankfurt, gest. 17 Jan 2007 Johannesburg/SA
  •            ∞ Leah Helman
  •      1. Sitta FRIEDMANN, b. 28 Dez 1903 Themar, m. 27 Dez 1934, ermordet 22
  •          Feb 1943 Theresienstadt
  •      ∞ Ernst LEWIN, geb. 05 Jul 1895 Falkenburg, ermordet [1944] AuschwitzUBelgium
  •           2. Joachim LEWIN, geb. 11 Oct 1935 Falkenburg, murdered [1944] Auschwitz
  •      1. Friedrich FRIEDMANN, b. 17 Okt 1905 Themar, gest. 27 Aug 1967 Brussels
  •      ∞ Chana MAUR, geb. 14 Nov 1912 Daleszyce/Poland, m. 30 Nov 1938,gest.
  •          29 Jan 1992 Belgium
  •           2. Henri FRIEDMANN, geb. 1947 Uccle/Belgium
  •      1. Bruno FRIEDMANN, geb. 15 Okt 1908 Themar, gest. 18 Jul 1980 South Africa
  •      ∞ Vera MARCUS, geb. 01 Sep 1912 Pirmasens, m. 02 Jan 1944, gest. 07 Mai 1989 South Africa
  •           2, R. FRIEDMANN, geb. 1947 Johannesburg/SA
  •           2. S. FRIEDMANN, geb. 1951 Johannesburg/SA

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Anmerkungen:
1. Die Familie Friedmann kam ursprünglich nicht aus Thüringen und war, soweit uns bekannt ist, weder mit der Familie Kahn aus Themar, noch mit der Familie Friedmann aus Berkach verwandt.
2. Die Schreibweise der Stadt Bernkastel-Cues änderte sich zwei Mal: Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde die Stadt mit zwei Cs geschrieben – Berncastel-Cues. Im Jahr 1927 galt Bernkastel-Cues als die richtige Schreibweise. Nach dem Juli 1936 wurde die Stadt dann mit zwei Ks geschrieben – Bernkastel-Kues.

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Henri Friedmann für seine Tante Sitta Lewin © Yad Vashem 2008

DANKSAGUNG
Wir möchten uns gerne bei den Familien der Kinder von Hugo und Eva Friedmann – Johanna, Friedrich und Bruno – bedanken, dafür dass sie ihr Wissen mit uns geteilt haben. Auch Henri Friedmanns Zeugenaussage für seine Tante, seinen Onkel und seinen Cousin – Sitta, Ernst und Joachim Lewin – aus dem Jahr 2008 half uns sehr bei unserer Recherche.

Ein großer Dank geht außerdem an die zwei Forscherinnen: Dr. Marianne Bühler und Linda Licina-Gedink. Dr. Bühler wusste einiges über die Familie Friedmann aus der Zeit, als sie in Bernkastel-Kues lebten, und gab uns mehrere Daten zu Hochzeiten Umzügen, etc. Ihre Recherche über die jüdische Gemeinde in Bernkastel-Wittlich kann hier angesehen werden [No link in the original].

Die neuen Informationen, die wir von Dr. Bühler bekommen haben, haben uns zu Licina-Gedink geführt, die ein sehr wichtiges Projekt für die Stadt Medernach leitet. Bei diesem Projekt, wie sie im April 2014 geschrieben hatte, versucht sie „eine Datenbank für die Menschen zu erstellen, die in Medernach geboren, geheiratet oder gestorben waren. Dazu müssen die Daten aus den alten Akten einzeln übertragen werden. Alle Daten aus den Akten bis zum Jahr 1923, die in Medernach waren, können jetzt unter www.familysearch.org angesehen werden. Nun versuche ich das Bild zu vervollständigen, in dem ich herauszufinden versuche, wo die Menschen, die nicht in Medernach geblieben waren, hingekommen sind.“ Dieses Projekt kann unter http://medernach.myheritage.com angesehen werden.

Wenn Sie etwas über die Familie von Hugo und Eva Friedmann wissen, oder Fragen haben, schreiben Sie uns bitte an: s.meen79@gmail.com oder smeen@mail.ubs.ca Wir würden uns sehr über eine E-Mail von Ihnen freuen.

Quellenangaben:

Alemannia-judaica, Bernkastel(Stadt Bernkastel-Kues, Kreis Bernkastel-Wittlich) Jüdische Geschichte/Synagoge
Alemannia-judaica,Jüdische Geschichte Illingen (Kreis Neunkirchen, Saarland
Stadtarchiv Themar
Das Bundesarchiv, Gedenkbuch
“Gurs,” und “St. Cyrpien.” Learning about the Holocaust through Art.
JewishGen, Datenbank der Familie von Raphael und Nanette Kahn aus Schweich, Deutschland.
JewishGen. Lodz Ghetto Hospital Records
Jüdische Gemeinde Marisfeld (Kr. Hildburghausen). Matrikel 1768-1938, Koblenz: Bundesarchiv 1958.
Jüdische Gemeinde Themar (Kr. Hildburghausen. Matrikel 1820-1938, Koblenz: Bundesarchiv 1958.
Themarer jüdischer Geburtsregister 1876-1937, Stadtarchiv Meiningen.
Themarer Zeitung, 1904-1909.
Yad Vashem, Zeugenaussagen abgegeben für H. Friedmann, E. Friedmann, S. Lewin, E. Lewin, J. Lewin, 2008.
Willi Körtels: Die jüdische Schule in der Region Trier. Hrsg. Förderverein Synagoge Könen e.V. 2011. pp. 150-151. Online zugänglich (pdf-Datei).

Die Verlegung der Stolpersteine und die damit verbundene Recherche und Pressemeldungen helfen Historikern dabei die Geschichten der Menschen aus den jüdischen Gemeinden, wie zum Beispiel der Gemeinde in Themar, zu erforschen. Manchmal ergeben sich allerdings aus dieser Recherche mehr Fragen als Antworten. Siehe zum Beispiel: Ein Stein, ein Menschvolksfreund.de, 29 Oktober 2008, und D.B. Broadman, A return to Germany, a dedication for Kristallnacht,” The New Jersey Jewish Standard, 06 Nov 2009.