1939 Brief/Postkarte 5

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Max u. Clara Müller, Themar, an Willi Müller, Palästina, den 12 Februar 1939

Lieber Willi!
Heute, nachdem wir unsere Klöße verzehrt haben, soll wieder ein Lebenszeichen von uns abgehen. Soeben waren Walter Rosenbaum u. Meinhard Götz bei uns, die sich nach Dir erkundigten. Ersterer läuft hier herum u. weiß nicht, was mit ihm soll u. letzterer denkt, in einigen Wochen Dir nach Erez nachzufolgen. Hast Du vielleicht irgend etwas nötig? Allerdings wissen wir bei d. strengen Kontrolle ja nicht, ob man etwas mitgeben kann. Deinen Brief Nr. 5 u. Deine Karte Nr. 6 haben wir erhalten. Ich wollte Dich schon lange fragen: Was bedeutet an Deiner Adresse die Bezeichnung P.O.B. 1061? Morgen, Montag in 8 Tagen kommt Onkel Sebald [Müller, Bruder von Max Müller II], um [Max] Steindler u. Martha Müller [Tochter von Max Müller I] in Müllers Wohnung zu trauen. Du hast recht mit Deiner Meinung, daß bei anderen Zeitumständen diese Heirat kaum erfolgt wäre. Ich glaube, daß im Ausland Martha ihren Mann ernähren muß, statt umgekehrt. In Deutschland warten alle Juden sehr auf Auswanderung u. es rückt nicht. Bürgschaft für Mama u. mich liegt in Berlin, aber es können 2 Jahre vergehen, bis wir an d. Reihe kommen. Rosengartens sind noch in Meinigen, es fehlt ihnen an Geld zur Wanderung. Frau Rosengarten ernährt d. Haushalt mit Aufwartung, Nähen usw. u. er selbst besucht viel die Kaffees in Mgn. — Herbert wird diese Woche nach Köln fahren. Floras Kusin [Vetter], ein Zahnarzt Dr. Mayer, abgebaut, u. erlernt die Anfertigung orthopädischer Schuheinlagen, ca. 2-3 Monate Lehrzeit u. hat dies auch Herbert empfohlen u. ihm Pension bei sich zur Verfügung gestellt. Habt Ihr schon neuen Zuzug erhalten? Wir senden Dir ab u zu noch Briefumschläge – Du weißt ja Bescheid — die Du sehr gut aufheben mußt. Dein Geld halte gut zusammen; wer weiß wie Du es noch brauchst. – Mama u. ich lernen fleißig Englisch u. gehen oft nachmittags spazieren. Wir haben es zum Rentier gebracht. – Moritz Sachs von hier ist mit seiner Tochter [Anna Kleemann, geb. Sachs, ihr Mann Harry Kleemann und ihr Bruder, Feodor] u. Familie ausgewandert, vorläufig nach Indien u. dann weiter. Es wird hier beabsichtigt, nach d. Vorbild anderer Killes, wieder Gottessdienst abzuhalten, so lange noch Minjan ist. Die Sefer Thoras sind bis auf 2 Stück ja weggeschafft, aber es geht noch mit diesen zweien. Sonst weiß ich nichts mehr von Belang. Mama wird noch Stoff zum Schreiben finden. Es grüßt Dich vielmals Dein Papa

Lieber Willi! Das Wetter ist nicht schön draußen u. wir können nicht spazieren gehen, da wollen wir Dir einen Brief schreiben. Wir werden s.G.w. in 3 Wochen unsere Oma nach Hannover ins Altersheim bringen. Die Hypothek die Leo als Bezahlung fürs Altersheim ausgesetzt hatte, wird vorläufig nicht ausgezahlt u. da der Platz im Heim nicht verloren gehen soll, gibt die Großmutter ihre letzen 1000 Mark u. wir zahlen 2000 M zu. Es wird uns furchtbar anstrengen aber was wollen wir machen. Leos sind in Australien, man kann nicht mehr mit ihnen verhandeln, hingeschrieben haben wir wohl. Sollen wir Dir etwas durch Meinhard [Götz}] mitschicken? Der alte Sachs hat sich von keinem verabschiedet, auf einmal war er verschwunden. Papas Geburtstag [den 8.02.] ist still verlaufen, ein Käsekuchen hatten wir aber doch. Nun noch recht herzl, Deine Dichl Mama

Randbemerkung [von Papa]:
Wichst oder schmierst Du Dein Schuhwerk gut, wenn es gut gereinigt, aber erst trocken ist? Sonst bricht das Leder! Ich danke f. Deine Geburtstagsglückwünsche.

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