1939 Brief/Postkarte 16

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Max u. Clara Müller, Themar, an Willi Müller, Palästina, 30. Juli 1939

Themar, auf dem Rölchen
Lieber Willi!
Bei der großen Hitze sitzen Mama beim Strümpfestopfen und ich bei diesem Brief am Tisch in unserem Garten. Aus unserem Päckchen hat sich jemand einen Prozentsatz herausgenommen. Das Päckchen war mit Süßigkeiten ausgefüllt, ohne Hohlraum, die beiden Federhalterschachteln enthielten je 1 kleine Schokoladenstange. Der Ibishalter sollte allerdings für Albert sein, doch ist es gut, nächstens folgt ein anderer Halter für Albert. Wir freuen uns, daß Du auch ab u. zu zum Geigenspeilen kommst, war Euer 4-stimmíges Konzert bei Eurem lustigen Abend auch wirklich gut gelungen oder hieltest Du es nur für gut gelungen? Verlerne ja nicht, was Du im Geigenspiel gelernt hast, man kann nie im Voraus wissen, wie man es braucht. Was macht Euer Bund „Eiferer für die hebräische Sprache“? Lebt er noch? Es ist allerdings oder ist er schon wieder eingeschlafen? Ein Mangel der hebr. Sprache ist, daß man nicht fluchen kann, denn mitunter hat man das Bedürfnis, einen derartigen Herzenserguß loszuwerden. Dafür kann ich aber schon im Englischen fluchen, z.B. “Damned fool!” oder “Go to hell!” Sollen wir Dir eine Flasche Waldmeister gegen Durst schicken? Im nächsten Brief kannst Du uns etwas von Eurem Ausflug nach Jerusalem erzählen, wenn er nicht ins Wasser gefallen ist.

Lieber Willi, Du schreibst, obwohl es jetzt bei Euch noch schöner als am Anfang ist, hast Du das Gefühl, als sei die Welt mit Brettern zugenagelt. Das ist bei uns auch ähnlich; seit Dezember sind Theater, Kinos u. alle Vergnügungen für Juden gesperrt. Wenn auch Gastwirtschaften nicht gerade durch Verordnung verschlossen sind, kann man als Jude abends doch nicht mehr eine Wirtschaft betreten. Familie Rosengarten hat an Müllers eine großen Brief geschrieben, aus meines Wissens Colombo oder Ceylon u. auch Bildchen mitgesandt, auf denen man die Jungens auf Strickleitern in der Takelage herum klettern sieht. Das ist ja was für sie. Sicher sind sie längst in Schanghai angekommen u. werden auch noch prosaische Zeiten mitmachen. In Deutschland soll die Judenauswanderung stark gefördert werden von der Regierung. Wer weiß, wo wir noch alle hingeschafft werden! Halte uns ein Plätzchen frei, wir sind mit Tomaten zufrieden. Mama ißt sie sogar sehr gerne, lieber als ich. Wir haben von unserem Kirschbaum dieses Jahr sehr viele Kirschen geerntet, schade, daß wir Dir keine Kostprobe senden können, aber Ihr habt ja dafür genug Trauben u. Apfelsinen. Auch unsere vielen Stachelbeersträuche hängen sehr voll.
Und nun tschüß mein Sohn. Viele Grüße von Deinem Papa

Liebe Willerle !
L. Papa hat Dir schon alles geschrieben. Bekomme ich eine Ansichtskarte von Eurem Jerusalem? Bekannte haben wir leider nicht dort. Es ist bestimmt eine interessante Stadt, wenn es nur nicht zu heiß dort ist. Hast Du eigentlich irgendwelche Wünsche, d.h. wenn wir Dir irgendetwas schicken sollen, tun wir es gern. Plaut haben ihren Lift schon im England. Gassenheimers packen bald. Hat Dir der Meinhard [Götz] schon gesagt daß seine Eltern [Theobald u. Bertha Götz] im 30. September fort sein müssen, ebenso Daniels die ja so wie so nach Schanghai wollten. Ich sprach mit Götzens, sie können außerhalb der Quote auf Flüchtlingsquote nach USA. Wenn Meinhardt aber nichts davon weiß, sage es ihm nicht. Tante Else [Nussbaum, geb. Müller] geht in 3–4 Wochen nach Holland zur Käthe [Wurms, geb. Nussbaum], der Erich Neumann ist in England u Fränze u die Kinder [Franziscka Müller Neumann, Wolfgang u. Ludwig Neumann] sind hier bis sie auch fort können. Müllers haben ihr Haus bestehend aus 3 kleine Häusern teilweise verkauft. Das kleine neben Saams hat das Frl. Klubescheidt, in der Mitte das hat die Vereinsbank u. das wo Häuslers drin gewohnt haben, behalten sie noch. In Meiningen hat man wie an so vielen Orten keinen Lehrer mehr. Wie ich hörte, soll ein engl. Lehrer [Englischlehrer] hinziehen u den Schulkindern den Unterricht geben. Herbert hat das gesandte Gedicht natürlich nicht gemacht, das geht in ganz Deutschland rum, weil es auf jeden paßt; wer es gemacht hat, weiß man nicht. Diesen Tintenfleck hat die kleine Katze gemacht, die wir jetzt haben. Sonst weiß ich nichts von Interesse.
Ich grüße Dich recht herzlich Deine Dichl Mama

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