1939 Brief/Postkarte 10

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Max u. Clara Müller, Themar, an Willi Müller, Palästina, den 19 April 1939

Lieber Willi!
Deinen Brief Nr. 13 erhielten wir vorgestern, also abgestempelt in Haifa am 12.4, angekommen hier am 17.4. Die Briefe gehen sehr schnell. Gebe uns an, wann dieser Brief, der heute am 19.4. hier abgeht – nicht per Luftpost – dort ankommt. Mazzen hatten wir, die Versorgung geschah im ganzen Reich durch die jüdische Verbände. Wir, das heisst die ganze Gemeinde wurde vom Bezirksverband Erfurt zur Angabe ihres Bedarfs aufgefordert. Unter gleichzeitige Voreinsendung des Betrags  in Thüringen erhielten wir prompt unser bestelltes Quantum. Dagegen war überall im Reich, besonders in den Grossstädten die Versorgung sehr schlecht, teilweise ¼ der bestellten Mengen. Da wir nun dummerweise furchtbar viel – 30 Pfund für uns 2 Personen bestellt bekommen haben, sandten wir an Sitta [Nussbaum Amram] 7 Pfund, an Onkel Sebald [Müller in Nürnberg] 5 Pfund, auf ihre Notschreie hin. Wir hatten doch noch übergenug und freuten uns riesig, unsere Verwandten helfen zu können. Wir frugen uns auch, dass Ihr Pesach so gutes Essen hattet. Da hast Du ja Sederabend nicht schlecht gebechert! Gottesdienst haben wir leider nicht mehr, das ist für viele andere Gemeindemitglieder sehr bedauerlich. Wir haben den hiesigen Bürgermeister um Wiederaufnahme der Gottesdienste gebeten. Der aber sagte, dass er erst bei der NSDAP der Kreisleitung Erlaubnis einholen müsste, haben aber bisher nichts gehört. Natürlich verkaufe Deinen Anzug, wenn er doch nicht einmal passt, an Herrn Mosat; kannst ihn für 6 X wenn Du das Geld sicher etwas zielbringend anlegen kannst. Du frugst doch uns darüber. – Wie war denn Euer Ausflug? Hat er Dir gefallen? hast Du Werner getroffen? Gelegentlich senden wir Dir Deinen Füllfederhalter, den Du so sehr entbehrst. – Herbert ist vorgestern wieder nach Köln; er hofft in etwa 4 Wochen seine Abschlussprüfung zu machen. Dann hoffen sie in etwa 2 Monaten ihre Ausreise antreten zu können. Wenn Du sonst etwas entbehrliches hast & Du es verkaufen kannst, tue es ruhig, ausserdem hebe es auf bis später. – Omas Adresse Bertha Nussbaum, Israelit. Altersheim, Hannover, Ellernstr. 16. Du musst aber Oma Deutsch u. deutlich schreiben, da sie es sonst nicht lesen kann. Da nun die liebe Mama genau so viel Recht an Dich hat als ich, will ich ihr auch genau den halben Bogen zum Schreiben lassen. Ich grüsse Dich vielmals
Dein Papa
(Rand:) Es gruesst Herzlich Pxxx Steffens

Wir freuen uns immer wenn wir Deine schönen ausführlichen Briefe erhalten. Warst Du schon auf Deiner Reise oder soll es erst los gehen. Du hattest doch auch die Adresse von Oppenheims, die in oder um Tel Aviv wohnen. Marion [Sander] hat am Samstagnachmittag Abschied gefeiert, der Erich Rosengarten u. ein Frühauf [höchstwahrscheinlich Rudy Frühauf aus Meiningen] waren da u. die Edith bei Sterns [Edith Wertheim] u. ihre Schwester [Alice Wertheim] u. bei Grünbaums ein junges Mädchen u. der Walter Gassenheimer. Sie haben bis 2 Uhr angehalten und in 14 Tagen geht sie weg. Sonst stockt die ganze Sache, es geht alles furchtbar langsam u. alle Leute möchten so schnell wie möglich fort. Wenn Du uns wieder schreibst, schildere uns einmal Deine Reise. Du hattest ja auch die Adresse von Sofia Bachmann [Tochter von Max u. Alma Bachmann] in Tel Aviv Frankfurterstr., so glaube ich. Unserer Oma gefällt es nicht besonders gut im Heim, es ist alles so fremd, vielleicht fahren wir Pfingsten hin. Ich kann Dir von hier nicht viel berichten, wir erleben nichts. Meinhold wird bei seinen Bauern Schwerarbeiten müssen, wir schicken ihm aber ein Päckchen. Ich hörte dass der Synagogensaal beschlagnahmt sei für das Rote Kreuz (im Kriegsfall). Für heute noch recht herzliche Grüsse D. Mama

(Zusatz vom Vater)
Wir geben den Brief erst morgen auf, am Geburtstag des Führers. Ich glaube, es gibt an diesem Tag einen besonderen Poststempel, der vielleicht später Wert hat. Achte drauf!

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