den 9.ten November 2008 — 70 Jahre nach ,Kristallnacht’

  2008 Ausstellung hier klicken
Barbara Morgenroth, Justizstaatssekretär Michael Haußner, MdL. Michael Krapp und Pfarrer Winfried Wolff (von links). Foto: Maik Ehrlich
Nachkommen jüdischer Bürger in Themar: Deborah Mayer sowie die Brüder Paul und Arne Müller. Sie waren aus den USA bzw. aus Dänemark zur Gedenkveranstaltung gekommen. Foto: Maik Ehrlich
Fritz Stubenrauch und Deborah Mayer, “Sie waren Themarer” Ausstellung, November 2008.
Barbara Morgenroth und Bürgermeister Hubert Böse, 9. November 2008.

Zur Eröffnung der Ausstellung hat Frau Barbara Morgenroth, die die Ausstellung organisiert hat, folgendes gesagt:
Herr Staatssekretär, Herr Bürgermeister, liebe Sharon Meen,

Sehr geehrte Kinder und Enkel ehemaliger Themarer Bürger, die heute im Mittelpunkt unseres Interesses stehen,
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe jetzt die ehrenvolle Aufgabe, unsere Ausstellung unter dem Titel „Sie waren Themarer“ zu eröffnen.
Bevor ich Sie also nach unten bitte, erlauben Sie mir noch einige kurze Sätze.

70 Jahre – das ist fast die Zeit eines ganzen Menschenlebens – eine lange Zeit. Inzwischen sind Generationen herangewachsen, die ganz andere Probleme haben, als unsere Eltern und Großeltern vor 70 Jahren. Warum die alten Geschichten? Drei Gründe möchte ich dafür nennen:

1. Um der Opfer willen
Wir haben der Ausstellung das Motto „Sie waren Themarer“ gegeben und wollen damit einer Binsenwahrheit Ausdruck verleihen: Die Menschen, die der jüdischen Kultusgemeinde in Themar angehörten, waren Handwerker, Geschäftsleute, Unternehmer, Arbeiter, Hausfrauen in diesem schönen kleinen Ort Themar an der Werra. Sie haben hier gelebt, gearbeitet, Arbeits- und Ausbildungsplätze geschaffen (heute wissen wir, wie wichtig das ist), die meisten in der zweiten oder dritten Generation. Sie waren angenehm oder nervig, hatten ihre Macken und ihre sympathischen Seiten, halt Menschen wie du und ich. Was hat sie zu Opfern gemacht?
Die mörderische Ideologie, der damals die meisten Deutschen gefolgt waren, kam unseren Eltern und Großeltern gelegen, weil sie eine scheinbare Erklärung für ihr eigenes Elend gegeben hat – die Weltwirtschaftskrise in den zwanziger Jahren mit ihren Auswirkungen können wir uns heute nur noch schwer vorstellen und wir fürchten uns davor, gerade in diesen Tagen mit den täglichen beunruhigenden Nachrichten.
Dabei bediente sich die Ideologie der Nazidiktatur alter Vorurteile gegen ein Volk, das in der Geschichte immer wieder als Sündenbock herhalten musste: Verfolgungen und Vertreibungen gehörten zur Geschichte der Juden. Neu war die Vernichtungfabrikmäßig und gründlich.
Auf dem schönen alten Friedhof in Marisfeld sind die Gräber alter themarer Familien erhalten.  Die Gedenksteine, die langsam der Erde gleich werden, sprechen zu uns mit der Hoffnung des alten Gottesvolkes.  Wo ist diese  Hoffnung in Belzyce und Theresienstadt geblieben?
Unser heutiges Gedenken und die kleine Ausstellung kann nicht die Funktion des „Guten Ortes“ — des Friedhofes übernehmen, sie kann nur die Erinnerung lebendig halten oder neu beleben.

2. Um unser selbst willen
Unangenehmes wird vergessen. Das ist eine Erfahrung: Die goldene Jugend, die schöne Vergangenheit, früher war alles besser. Vergessen sind Probleme, Ängste. Auch die „Sache mit dem 9. November 1938“ wird lieber vergessen, zumal dieses Datum auch anderweitig geschichtsträchtig belegt ist. In meiner Familie erlebte ich sogar die Diskussion, ob es in dem kleinen ostthüringer Ort, aus dem ich komme, überhaupt Juden gegeben habe.Aber Vergessenes holt uns ein. Wer einmal in Israel war, wird vielleicht jungen Menschen begegnet sein, die, um ihrer Vorfahren zu gedenken, nach Auschwitz gefahren sind. Bei meiner Begegnung mit ihnen spürte ich die stumme und vorwurfsvolle Frage, wo denn meine Großeltern zu der Zeit waren. Und diese Frage schließt auch ein, nach der eigenen Position damals zu fragen. Wo wäre ich denn gewesen, auf welcher Seite hätte ich gestanden. Wäre ich auch vor Angst nicht aus der Deckung gegangen und hätte mich zu klein gefühlt, da einzugreifen oder wäre ich, wie mein Großvater, über dem Wissen krank geworden? Oder hätte ich auch den Mut besessen, wie hier in Themar ein Sozialdemokrat, der gefragt hat: „Was macht ihr denn da, schämt ihr euch nicht?“
Man muss nicht in Israel gewesen sein. Auch hier in Südthüringen, in unseren Familien können wir auf solche Spuren der bitteren Vergangenheit stoßen: Stolpersteine mit Namen und Daten auf den Straßen, Fotos in Familienalben, wo wir oft keine Namen mehr wissen. Auf der Suche nach unserer Geschichte sind wir auf der Suche nach uns selbst. Deshalb brauchen wir auch die Erinnerung und die schließt  Unangenehmes und Schreckliches ein.

3. Unserer Kinder wegen
Der Schlusssatz einer Schüler-Projektarbeit unter der Fragestellung, ob  in Südthüringen noch Juden leben lautet: „Wären die Menschen so aufgeschlossen und informiert wie heutzutage, wäre es damals nicht so weit gekommen, dass ein Mann eine ganze Nation verleitet. Doch andererseits muss man es auch so sehen, wäre es damals nicht passiert, würde es heute passieren und wir wären die, die von so einem Monster verleitet würden.“
Gegen solche tiefe Erkenntnis spricht die traurige Tatsache, dass immer wieder Gelegenheiten für braune Aufmärsche genutzt werden, dass die NPD Einzug in die Parlamente hält, dass es auch unter uns Ressentiments gegen Fremde gibt, die uns angeblich die Arbeit wegnehmen, unser Sozialsystem ausnutzen und was dergleichen an Vorbehalten noch in billiger Propaganda mit dicken Lettern geschürt werden kann.
Sind wir dagegen gewappnet, durchschauen wir die Verführung, Sündenböcke suchen zu wollen für Probleme, die sich vor uns auftun?  (Brecht „…der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das  kroch.“)
Wenn diese Ausstellung und unser Gedenken in diesen Tagen einen Zweck verfolgt, dann den: „Wehret den Anfängen“.
Die 17jährigen Schüler  haben eine tiefe Erkenntnis gewonnen, weil sie sich die Mühe gemacht haben, sich zu informieren. Wir Älteren haben die Pflicht, uns den Fragen unserer Kinder zu stellen, mit ihnen zu reden. Ich wünsche mir, dass die Ausstellung dazu einen Beitrag leistet, dass wir generationenübergreifend miteinander ins Gespräch kommen, ergänzen, korrigieren, diskutieren. Heute sind unsere Gesprächspartner die Damen und Herren, die beim Zustandekommen dieser Ausstellung mitgewirkt haben, Frau Dr. Meen, Frau Bosecker, Herr Stubenrauch, Herr Witter, Herr Saam, Herr Geißenhöhner, Herr Radow, Herr Wenzel, der Bürgermeister und natürlich auch mein Mann und ich. Ganz besonders freuen wir uns, dass auch direkte Nachfahren heute hier sind und sicher gern mit uns ins Gespräch kommen wollen.  Dazu darf ich Sie nun nach unten einladen.