November 2015: Die Enkelin von Selma Stern u. Sondheim v.d. Rhön

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Am Haus der Urgroßeltern: Hanna Karlsruher (Mitte) mit ihren Kindern Stuart und Diane. Die Jüdin floh als Kind vor den Nazis in die USA. Auch Sondheimer Verwandte fielen dem Holocaust zum Opfer.

SONDHEIM/RHÖN
11. November 2015 17:45 Uhr
von Steffen Standke

Das Haus an der Ecke Nordheimer/Bad Neustädter Straße bietet nichts Besonderes: eine schmutzigweiße Fassade, ein rotes Dach, einen gelben Postkasten. Dass es älter als 120 Jahre ist, sieht man ihm nicht an. Und auch nicht, dass dort bis 1934 die einzigen Einwohner jüdischen Glaubens im Ort lebten – die Vorfahren von Hanna Karlsruher. Die 80-Jährige floh als Kind vor den Nazis. Nun sah sie erstmals das Haus ihrer Urgroßeltern.

Das Haus an der Ecke Nordheimer/Bad Neustädter Straße bietet nichts Besonderes: eine schmutzigweiße Fassade, ein rotes Dach, einen gelben Postkasten. Dass es älter als 120 Jahre ist, sieht man ihm nicht an. Und auch nicht, dass dort bis 1934 die einzigen Einwohner jüdischen Glaubens im Ort lebten – die Vorfahren von Hanna Karlsruher. Die 80-Jährige floh als Kind vor den Nazis. Nun sah sie erstmals das Haus ihrer Urgroßeltern.Das Schicksal hat es gut gemeint mit Hanna Karlsruher, geborene Plaut. Sonst stünde sie wohl nicht hier, mitten in Sondheim. Die Jüdin saß im August 1941 als Fünfjährige in einem der letzten Züge, die Berlin Richtung Lissabon verließen. Sie schaffte es nach eigenen Angaben auf das letzte Schiff, dass damals von Portugals Hauptstadt nach New York abging. Heute lebt sie nahe Boston/Massachusetts.Die Vernichtung von rund sechs Millionen europäischer Juden, der Holocaust, hatte längst begonnen. Anders als Hanna überlebten einige ihrer Verwandten ihn nicht.Der Stammbaum ihrer Familie schlägt gerade im 19. Jahrhundert feste Wurzeln in Oberwaldbehrungen. Viele ihrer Vorfahren wurden dort geboren, lebten und starben dort.

Später wuchsen Ausleger nach Sondheim, aber auch ins 50 Kilometer entfernte thüringische Themar. Das haben Elisabeth Böhrer und die kanadische Historikerin Sharon Meen herausgefunden. So betrieben Karlsruhers Urgroßeltern Samuel und Philippine Schloß seit 1890 in Sondheim einen Schnitt- und Kolonialwarenladen – in dem Haus, vor dem ihre Urenkelin nun stand.

Hanna Karola Plaut – so ihr vollständiger Geburtsname – baute nie eine Beziehung ins Rhöndorf auf. Sie kam 1935 in Meiningen zur Welt, wuchs bei ihren Eltern Elli Bär und Artur Plaut in Themar auf. „Ich kann mich nicht erinnern, jemals in Sondheim gewesen zu sein.“

Warum auch. Ihre Urgroßeltern gaben das Geschäft schon vor ihrer Geburt auf, zogen Mitte Juli 1934 nach Themar. Dort lebte bereits ihre Tochter Selma – Hannas Großmutter. Sie war 1888 in Oberwaldbehrungen geboren worden und in Sondheim aufgewachsen. Dort heiratete sie 1910 ihren Mann Emil Bär und zog nach Themar. Letzterer starb schon 1913.

Ihre Urgroßeltern kannte Hanna Karlsruher kaum. Philippine Schloß starb wenige Wochen nach ihrer Geburt 1935, ihr Mann Samuel 1939. Nach seinem Tod zogen Artur und Elli Plaut, Tochter Hanna und Oma Selma nach Berlin. Von dort gelang der Familie wie beschrieben Ende August die Flucht. Bis auf Selma. Sie erhielt keine Ausreisegenehmigung. Ihre Spur verliert sich im Januar 1942 im Ghetto von Riga.

In Sondheim wuchsen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert noch drei Geschwister Selmas auf – Rosa, Minna und Julius – Hannas Großonkel und -tanten. Julius Schloß fiel im Ersten Weltkrieg; sein Name ist auf einem Kriegerdenkmal im Sondheimer Friedhof verewigt. Minna gelang mit ihrem Mann 1939 die Flucht vor den Nazis nach England. Rosa Schloß aber wurde im Oktober 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Das Haus in Sondheim, der Familienstammbaum, die Gräber der Vorfahren – Hanna Karlsruher kann damit wenig anfangen. Kein Wunder, liegen Kindheit und Flucht ein Dreivierteljahrhundert zurück. „Ich fühle mich als Amerikanerin“, sagt sie. Dass sie das in fast akzentfreiem Deutsch tut, liegt an ihrer Großmutter väterlicherseits. Die lernte nie richtig Englisch, sprach lieber Deutsch.

Das Deutsche – es war verpönt in den USA der Kriegszeit. Hanna Karola nannte sich künftig „Carol“. So blieb ihre Herkunft aus „Feindesland“ eher im Dunkeln.

Ihre Eltern sprachen kaum über die Zeit in Deutschland und die Verwandten. Was geschehen war, war geschehen – und vorbei. Man war jetzt Amerikaner. Erst Jahre später öffnete Sohn Stuart einen Koffer unter anderem mit alten Bildern und einer Puppe aus der alten Heimat. Er hatte auf einem Schrank gelegen.

Dass Hanna Karlsruher doch einiges über Vertreibung und Vernichtung der Juden weiß, verdankt sie ihrer Großtante Minna. Sie lernte sie erst nach dem Krieg richtig kennen.

In den 1980ern reiste Karlsruher mit ihrem Mann erstmals wieder nach Deutschland; 1990 besuchte sie mit ihren Kindern Stuart und Diane Themar. Und nun das bisher unbekannte Haus der Urgroßeltern.