Die Deportation ins Ghetto Litzmannstadt, Oktober 1941

Die skrupellose, systematische Deportation der Juden aus Österreich, der Tschechoslowakei und aus Deutschland begann am 15. Oktober 1941. Die Organisation der Transporte zeigen, wie grundlegend Hitler Mitte September seine Einstellung in Bezug auf die Deportation der Juden geändert hatte. Er hatte sich plötzlich dafür entschieden, dass Juden noch während des Krieges deportiert werden müssten, obwohl noch die Hoffnung bestand, dass der Krieg im Herbst 1941 zu Ende sein würde. Als eine der ersten Konsequenzen wurde es den Juden sogar verboten in diejenigen Staaten zu immigrieren, die bereit waren Flüchtlinge aufzunehmen.

Das erste Ziel für die neuen Massentransporte war das Ghetto Litzmannstadt in der polnischen Stadt Łódź. Łódź befand sich im Reichsgau Wartheland, einer Region in Polen, die schon immer als ein Teil Deutschlands angesehen wurde. Am 17. September 1941 gab Himmler den folgenden Befehl an seine Untergeordneten:

“Der Führer wünscht, daß bald das Altreich und das Protektorat vom Westen nach dem Osten von Juden geleert und befreit werden. Ich bin daher bestrebt möglichst noch in diesem Jahr die Juden des Altreichs und des Protektorats zu nächst einmal als erste Stufe in die vor zwei Jahren neu zum Reich gekommenen Ostgebiete zu transportieren, um sie im nächsten Frühjahr noch weiter nach dem Osten abzuschieben. Ich beabsichtige, in das Litzmannstädter Ghetto, das wie ich höre, an Raum aufnahmefähig ist, rund 60 000 Juden des Altreichs und des Protektorats für den Winter zu verbringen. Ich bitte sie diese Maßnahme, die sicherlich für ihren Gau, Schwierigkeiten und Lasten mit sich bringt, nicht nur zu verstehen, sondern im Interesse des Gesamtreiches mit allen Kräften zu unterstützen. SS Gruppenführer Heydrich, der diese Judenwanderung vorzunehmen hat, wird sich rechtzeitig unmittelbar oder über SS Gruppenführer Koppe an sie wenden.”   

Das Ghetto Litzmannstadt hatte bereits seit Beginn der 40er Jahre existiert. Die ersten schriftlichen Anordnungen zur Errichtung des Ghettos lagen Anfang Dezember 1939 vor. Die Anmeldung für die Evakuierung begann am 13. Dezember 1939. Im Februar 1940 wurden etwa 160 000 Juden, also mehr als ein Drittel der Bevölkerung von Łódź, in das Ghetto zwangsumgesiedelt. Die Lebensbedingungen im Ghetto waren schauderhaft: die meisten Bereiche hatten weder fließendes Wasser noch ein Abwasserkanalsystem, was sofort zu einer Sterberate von zwanzig Prozent der Ghetto-Bevölkerung führte.

Da Łódź in der Vorkriegszeit ein bedeutendes Industriezentrum war, blieb die Stadt auch unter der deutschen Besatzung ein Produktionszentrum. Auch das Ghetto wurde zu einem Teil der Industrie. Im Mai 1940 wurden mehrere Fabriken errichtet, die diverses Kriegsmaterial, wie zum Beispiel deutsche Kriegsuniformen, herstellten. Die Ghettobewohner wurden dabei zu Zwangsarbeitern.  Mordechai Chaim Rumkowski, der Vorsitzende des Judenrats im Ghetto, hoffte darauf, dass die Produktivität des Ghettos die Deportation der Bewohner verhindern würde.

703801Zwischen dem 15. Oktober und dem 3. November 1941 brachten 20 Transporte aus Wien in Österreich, aus Prag in der Tschechoslowakei und aus Deutschland 200 000 jüdische Menschen ins Ghetto Litzmannstadt. Zusätzlich wurden noch etwa 20 000 polnische Juden aus den Nachbarstädten und Dörfern in das Ghetto zwangsumgesiedelt. Außerdem wurden etwa 5 000 Sinti und Roma von Österreich nach Łódź deportiert. Die meisten Juden, die in das Ghetto kamen waren ältere Frauen und Männer, von denen viele den harten Winter nicht überlebten.  Bis Ende April 1942 starben 3 186 Menschen. Insgesamt waren damit 16% der nicht polnischen Juden tot. Die älteste Gruppe im Ghetto kam aus Berlin. 27% von ihnen starben in dieser Zeit. Darüber hinaus konnten die meisten dieser Menschen keine Arbeit im Ghetto finden, weil sie von den Nazis bei ihrer Ankunft als arbeitsunfähig eingestuft worden waren. Jeder, der versucht hatte aus dem Ghetto zu entkommen und dabei erwischt wurde, wurde vor den Augen der anderen Gefangenen ermordet.

Die Ankunft der Juden aus Deutschland, Österreich und Böhmen sorgte für größere Konflikte im Ghetto. Dawid Sierakowiak schrieb damals: „Einerseits drückt mich die Furcht vor der Verschickung nach Deutschland, andererseits die Furcht, daß es unmöglich sein wird, eine Arbeit zu finden, sobald die Deutschen [Juden] da sind.“ Die üblichen Differenzen in sozialen, religiösen, kulturellen, sprachlichen und politischen Bereichen zwischen den Juden aus dem Osten und den Juden aus dem Westen blieben trotz des gemeinsamen Schicksals bestehen. Im Gegenteil sogar – unter der Herrschaft der Deutschen – entwickelten sie sich weiter zu Feindseligkeit und Misstrauen einander gegenüber. Beispielsweise wurden Unterkünfte für die deutschen Juden geschaffen, indem die polnischen Juden durch eine Zwangsräumung in bereits überfüllte Wohnungen von anderen polnischen Juden umziehen mussten. Als sich diese Methode dennoch als unzureichend erwies, wurden Schulen und andere öffentliche Einrichtungen geschlossen und in Unterkunftsmöglichkeiten für deutsche Juden umgewandelt. Trotz der Ankunft der deutschen Juden wurde die Lebensmittelversorgung im Ghetto nicht erhöht, sodass die polnischen Juden ihre Essensrationen mit den deutschen Juden teilen mussten. Polnische Juden sprachen Yiddisch. Die deutschen Juden sprachen meistens Deutsch. Andererseits wurde das Problem der Arbeit, das Sierakowiak als eine Quelle der Konflikte vorausgesagt hatte, dadurch etwas gemildert, dass viele der deutschen Juden aufgrund ihres Alters von den Nazis als arbeitsunfähig eingestuft worden waren.

Ursprünglich war das Ghetto Litzmannstadt, wie alle anderen Ghettos auch, nur als Zwischenstation gedacht, von wo aus die Juden weiter östlich in das Territorium der Sowjetunion deportiert werden sollten. Allerdings wurde Ende 1941 klar, dass das Ghetto doch länger bestehen bleiben würde, und anstatt eine Zwischenstation mit dem Endziel irgendwo weiter im Osten zu sein, als eine Zwischenstation mit der Weiterdeportation in die Vernichtungslager ganz in der Nähe fungieren würde. Die Nazis haben bereits im Dezember 1941 angefangen in Chełmno mit Gaswagen zu experimentieren. Im Januar 1942 begannen sie dann Menschen aus dem Ghetto Litzmannstadt zu deportieren und sie in den Vernichtungslagern in Chełmno zu ermorden. So begann im Januar der Mord an 4 600 Sinti und Roma. Dann wurden zwischen Mitte Januar und Anfang April etwa 45 000 polnische Juden umgebracht. Anschließend wurden mindestens weitere 10 000 Juden aus Deutschland und dem Protektorat in den Gaswagen in Chełmno ermordet.

Die jüdische Gemeinde in Themar und das Ghetto Litzmannstadt

Aus der jüdischen Gemeinde in Themar wurden 1941 zwei Menschen ins Ghetto Litzmannstadt deportiert. Genuaer gesagt befanden sie sich auf dem ersten Transport der Juden aus Deutschland. Hugo und Eva Kahn Friedmann wurden am 16. Oktober 1941 von Trier nach Lodz deportiert.

Hugo Friedmann war Religionslehrer und Kantor und kam aus beruflichen Gründen nach Themar. Die Familie Friedmann lebte in der Hildburghäuser Straße 17 über der Synagoge. In dieser Zeit gab es ca. 100 Juden in Themar. Hugo Friedmann hat dort als Lehrer, Kantor und Schächte gearbeitet und Religionsunterricht für Kinder gegeben. Ihre vier Kinder wurden in Themar geboren.

Im Jahr 1909 verließ die Familie Friedmann Themar und ging nach Bernkastel-Kues, östlich der Deutsch-Luxemburgischen Grenze. Sie zogen in die Burgstraße 7. Hugo Friedmann wurde dort als Lehrer und Kantor in der Gemeinde eingestellt, die zu diesem Zeitpunkt ca. 60 Mitglieder hatte. Er arbeitete außerdem als Religionslehrer für Kinder aus den Nachbardörfern, u.a. Rachtig und Zeitlingen.

Uns ist bekannt, dass Eva und Hugo in Ettelbruck, Luxemburg, während der ersten Monate des Zweiten Weltkriegs waren. Zu dieser Zeit gab es in Luxemburg  etwa 3 800 jüdische Menschen. Für Eva, die im luxemburgischen Medernach geboren wurde, war es ein Nachhause kommen. Wahrscheinlich hatten die beiden darauf gehofft in Luxemburg sicher zu sein, weil Luxemburg im Ersten Weltkrieg eine mehr oder weniger neutrale Haltung eingenommen hatte.

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Juden aus Luxemburg in Lodz 1941

Diese Rechnung ging aber nicht auf: Am 10. Mai 1940 wurde Luxemburg von der deutschen Armee besetzt, als diese in Südfrankreich einmarschierte.  Es war eine Eroberung, ohne dass viel Blut vergossen wurde. Lediglich ein Mitglied der luxemburgischen Miliz und sechs Gendarmen wurden verletzt. Es gab allerdings laut Berichten keine Toten. Am 28. Juni 1940 wurde Luxemburg offiziell als Teil der Trier-Koblenz Region Deutschland angeschlossen. Anfangs erlaubte die deutsche Verwaltung noch die Auswanderung der jüdischen Bevölkerung, was dazu beitrug, dass Mitte 1941 die jüdische Bevölkerung in Luxemburg auf 1 800 sank. Hugo und Eva konnten das Land aber nicht verlassen und kamen somit auf den ersten Transport, der am 16. Oktober 1941 den deutschen Boden in Trier-Bernkastel verließ.

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c. Yad Vashem

Hugo und Eva Kahn Friedmann starben beide im Ghetto Litzmannstadt, Eva im Mai 1942 und Hugo im Juni 1942. Hugo war zu diesem Zeitpunkt 66, Eva 64 Jahre alt. Von ihren Kindern wissen wir, dass Sitta Friedmann, ihr Ehemann Ernst und der gemeinsame Sohn Joachim, der zu dem Zeitpunkt erst 9 Jahre alt war, ermordet wurden. Die drei anderen Kinder, Johanna, Friedrich und Hugo, haben allen überlebt. Ein Enkelsohn hat ein Gedenkblatt im Yad Vashem erstellt und uns später sehr viel mit der Geschichte seiner Grosseltern geholfen.