Kapitel 9: Die Themarerjuden

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Meine Mutter sagte oft „Zwei Jüngle hat die Mama“, im Themarer Dialekt und das meinte „Mama hat zwei Jungs“. Sie hatte auch noch eine andere Redeweise – „Sieht es Jung hab ichs net gesacht, ich zermalm dich.“ Sie meinte „Sieh dich vor Junge, habe ich es dir nicht gesagt? Ich werde dich zum Schweigen bringen. Darauf folgte eine Kopfnuss, ich bekam eine Menge davon.

97. Walter Rosenbaum, 26 March 1939.

Walter war der Sohn von Lotte Rosenbaum, geborene Gassenheimer. [Anmerkung: Er ging 1946 in die USA.]

98. Willy Müller, Themar, ca. 1935-6.

Willi steht vor der Turnhalle, ihrem Wohnhaus gegenüber an der Ecke Turner- und Meininger Straße. Die Müllers (Max Müller II und Klara Müller geb. Nussbaum) hatten drei Söhne, Herbert, Meinhold und Willi. Wir verbrachten viele Sabbatfeiern hier. Herr Müller hatte ein Lexikon, in dem ich gern las. Er hatte auch eine Abschrift der Zeitschrift „Der Stürmer“, eine der schlimmsten antisemitischen Nazi –Zeitungen. Er dachte, die sind nur verrückt, schließlich hatte er doch in der Deutschen Armee im 1. Weltkrieg gedient. Meinhold und Willi sind vermutlich nach Schweden geflohen, über Herbert weiß ich nichts.  1936 kauften Müllers ein Auto für ihr Geschäft, um die Ware auf den Dörfern verkaufen zu können. Das war eines der ersten in Deutschland gebauten Fords. Ford durfte das Auto in Deutschland bauen als Dank für seine Unterstützung für Hitler, mit Propaganda (er war ein großer Antisemit) in den USA und direkter finanzieller Hilfe für die Nazipartei. Die Fords machten einen ziemlich guten Profit durch den Nazikrieg.

[Anmerkung: Meinhold ging nach Schweden, Willy ging nach Palästina und Herbert ging in die Vereinigten Staaten mit seiner Frau Flora geb. Wolf.]

99. Theo Steinschneider.

Das ist Theo Steinschneider aus Hannover, ein Neffe der Familie Grünbaum in Themar. Sie verkauften Inletts und Bettwäsche in der Bahnhofstraße. Sie hatten einen Sohn (Hans, geb. 1916 in Themar), der 1933 nach Palästina ging. Ich  kaufte sein Fahrrad. Theo ging auch nach Palästina.

100. Moritz Sachs, 1947, San Francisco, Californien, USA.

Die Familie von Moritz Sachs. Moritz Sachs hatte ein Fahrrad-Geschäft in Themar. Er reparierte und verkaufte sie. Er war in seiner Jugend einige Jahre in Chicago USA und sprach fließend Englisch. Ich fand das eines Tages in San Francisco heraus. Wir dachten immer, dass es verrückt war, wie er von hinten auf sein Fahrrad aufgestiegen ist. Wir nannten das „Moritzaufstieg“ oder „Moritz-Berg“.

[Anmerkung: Haus und Fahrradgeschäft der Familie Sachs war in der Georg-Kempt-Straße, Seite 13 in der Stadtplan.]

101. Frau Klara Katz Sachs im Haus in der Georg-Kempt-Strasse, ca. 1936.

[Editor’s Note: Klara/Clara Katz Sachs, born 1870 in Mühlfeld, Thüringen, died in Themar in 1937.]

102. Anna Sachs Kleeman, 1946 Shanghai.

Anna Sachs war meine erste Kundin für all die Dinge, die ich herstellte. In meinem 12. Lebensjahr baute ich einen Stern aus buntem Transparentpapier und Sperrholz, in den man eine Glühlampe hängen konnte. Ihrem Mann [Harry Kleeman] gefiel er und so kauften sie ihn, um ihn in ihrem Hausflur in Berlin aufzuhängen. Wir trafen uns in Shanghai wieder, wo Herr Kleeman sehr bald starb.

[Anmerkung: Harry Kleeman, geb. Dez. 1894 in Berlin, starb 1954 in San Francisco, Californien.]

103. Hilde Sachs, Themar ca. 1935.

Hilde heiratete Albert Gassenheimer und sie gingen nach Südafrika, wo Albert als Mechaniker arbeitete. Sie wurden später geschieden, Hilde heiratete wieder und nun lebt sie in den USA. Feodor Sachs war auch in Shanghai und arbeitete mit Kleeman. Er lebt jetzt auch in den USA. Der jüngste Sohn von Moritz und Klara Sachs, Robert, schaffte es nach Israel gehen, aber er hatte sehr jung einen Schlaganfall und landete im Rollstuhl.

[Anmerkung: Moritz Sachs starb 1960 in Napa, Californien u. Feodor 1988 in San Francisco. Anna starb 1991 in Daly City, Californien, Hilde 2001 in San Franzsico. Robert, geb. Nov. 1915 in Themar, floh nach England, nicht Palästina. Hier traf und heiratete er Regina Frank, geb. 1919 in Wien, und sie bekamen ihr erstes Kind in England. Die Familie Robert Sachs ging 1948 in die Vereinigten Staaten, Robert starb 1997 in San Francisco, Regina 2001.]

104 unten. Moritz Sachs bekommt die Bürgerrechte der Vereinigten Staaten zusammen mit seiner Tochter Anna und deren Mann Harry Kleemann, ca. 1952/53.

Die drei Kinder unseres Mazzenbäckers. Sein Name ist Wertheim, er kam aus der kleinen Stadt Walldorf in der Nähe (von Themar). Er wollte eigentlich im Herbst in einer offenen Kutsche kommen und die Bestellungen für Pesach aufnehmen. Aber er schickte die fertigen Mazzen im Zug. Wir verbrachten unsere Ferien zusammen. Es gab zu hohen Feiertagen Gottesdienste in Walldorf. Ich half einen Minyan gegen Bezahlung, Essen und Unterbringung zu bilden. Es gab eine alte Holzsynagoge auf einem Berg, wie eine Festung.

[Anmerkung: Minyan = erforderliche Anzahl von 10 Männern, um einen Gottesdienst durchführen zu können.]

Als ich das beigefügte Pamphlet erhielt, sagte  ich „Wow, was für eine Überraschung!“ und meine Haare standen mir zu Berge. Ich wusste nach zwei Sätzen, was los war. „Juden für Jesus“ – oh Bruder!

105. Die Wertheimkinder


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