Das tränenreiche Geheimnis von Themar

von Robert  L. Strauss
Übersetzung aus dem Englischen Renate Mayer-Merkl, März 2014

R.Strauss pic 1996

Die Geschichte einer Großmutter, bisher noch nie erzählt, eröffnet einen Weg des Verstehens und Vergebens…

Wir verließen Weißenbronn auf der gleichen Straße, über die mein Urgroßvater einst seine Rinder transportierte. Dieser Teil Bayerns ist nicht spektakulär, es ist einfach eine hügelige Landschaft.

Als wir in Richtung Norden fuhren und über die schlichte Anständigkeit  von Frau Hoffmanns Handeln nachdachten, merkten wir, dass sich unsere Gefühle gegenüber Deutschland veränderten. Wir hatten keine Skinheads angetroffen, hatten keinerlei antisemitische Bemerkungen gehört. Es war sehr schwierig, unsere Erfahrungen in Weißenbronn mit unseren Gefühlen und Kenntnissen über die Vergangenheit in Einklang zu bringen.

Themar, wo mein Vater Henry Levinstein 1919 geboren wurde, liegt von Weißenbronn wahrscheinlich kaum mehr als 150 km Luftlinie entfernt. Obwohl es am Ende des 2.Weltkriegs von den US-Amerikanern befreit wurde, wurde es der Sowjetischen Zone zugeschlagen. Irgendwie erwartete, ja hoffte ich, dass Themar ein klitzekleines Dorf, stehengeblieben in den 20er ,30er Jahren dieses  Jahrhunderts, sein würde, sodass ich sehen könnte, wo und wie mein Vater aufgewachsen war.

Wir verbrachten die Nacht zwischen Weißenbronn und Themar in Meiningen, einer Stadt, deren Namen mein Vater erwähnt hatte, wie ich mich erinnerte. Ein paar Blocks von unserem Hotel entfernt entdeckte Nina einen Davidstern auf einer kleinen Gedenktafel. Die einfache deutsche Inschrift auf dieser Tafel klärte uns darüber auf, dass an dieser Stelle die Meininger Synagoge gestanden hatte, die im November 1938 niedergebrannt worden war während der reichsweiten Pogrome. Gegenüber, auf der anderen Seite einer Wiese, wurde gerade ein großes ingwerfarbenes Hotel renoviert. Die Synagoge hatte einen ansehnlichen Standort gehabt.

Direkt vor Themar und den Überresten seiner Befestigungsmauern verkündeten Willkommensschilder: ,,Themar – 1200 Jahre: 796-1996“. Themar feierte sein 1200 jähriges Jubiläum.

„Was hast Du jetzt vor?“ fragte mich Nina, als wir ankamen. Mein Plan war unverändert. Wir würden zum Friedhof gehen und schauen, was dort zu finden war. Anders als in Weißenbronn, so dachte ich, könnten hier noch Menschen leben, die Dad oder dessen Eltern gekannt hatten. Wir mussten sie bloß ausfindig machen.

Als wir nach Themar hineinfuhren, überholte uns ein UPS-Wagen. Eine Reklametafel wies darauf hin, dass der nächste McDonalds nur 6,5 km entfernt läge. Ganz offensichtlich war Themar nicht mehr das Themar aus Dads Jugend.

Wir waren um die Mittagszeit angekommen. Nina war hungrig, deshalb hielten wir bei einer Bäckerei. Wir warteten so lange, bis sich nur noch eine Frau hinter uns befand, bevor wir schließlich etwas kauften. Wir zeigten auf ein paar Dinge, die wir haben wollten und benutzten unsere Finger, um uns über den Preis zu verständigen. „Wirst Du jetzt fragen?“, bemerkte Nina . — Ich fühlte mich unbehaglich nach dem Friedhof zu fragen. Wir befanden uns ja im ehemaligen Ost-Deutschland. Wir wussten, dass sich in der Tat schlimme Dinge in Themar ereignet hatten. Ich wusste nicht, wie wir empfangen würden. — Zögernd begann ich meine zehn Sekunden lange Nachfrage nach dem Jüdischen Friedhof. Es wurde uns gesagt, dass er sich in dem benachbarten Ort Marisfeld befände. Die Frau hinter uns, die kein Englisch sprach, schien ziemlich interessiert zu sein und folgte uns nach draußen.

In diesem Moment erschien ihre Englisch sprechende Tochter. Wir erklärten ihr, dass wir jemanden finden wollten, der mit uns über Themar vor dem Krieg sprechen könnte. Sie übersetzte dies und ihre Mutter antwortete ziemlich enthusiastisch mit vielem Kopfnicken: „Meine Mutter“.

„Ich werde ihr das Bild zeigen“, sagte ich zu Nina. Damit meinte ich das Photo von Dad und seiner Mutter aus den frühen 20er Jahren. “Warum„’ fragte sie, weiterhin skeptisch. „Sie werden nicht in der Lage sein, irgendetwas zu erkennen.“ Ich zeigte den beiden Frauen das sepiabraune Kinderbild von Dad. Zu unserer vollkommenen Überraschung begannen sie sofort zu nicken. Sie kannten den Ort. Es gab ihn noch. In einer Stadt mit einer 1200 jährigen Geschichte tendieren die Gebäude dazu, an ihrem Platz zu bleiben.

Die ältere Frau stieg in unser Auto ein. Ein paar Blocks weiter bat sie uns anzuhalten und zeigte auf das Detail, das es ihr leicht gemacht hatte, den Ort zu identifizieren. Das oberste Stockwerk des Gebäudes hatte drei kleine gewölbte Fenster, die auf dem Photo deutlich zu sehen waren. Unsere Mitfahrerin, Ingrid Saam, wohnte direkt um die Ecke.

Wir dankten ihr, verabschiedeten uns und machten uns auf den Weg, um die genaue Stelle zu finden, von der aus das Bild aufgenommen worden war. Wir konnten durch Hecken in Hinterhöfe blicken, aber keinen Weg ins Innere finden. Als wir zu unserem Auto zurückgingen, kam ein Teenager mit einem „No Nazis” T-Shirt auf uns zu. Ich fühlte mich immer noch unbehaglich, Fremde nach Dingen, Juden betreffend, zu fragen, aber ich dachte mir, dass er verständnisvoll sein würde. „Nein“, sagte er uns auf Englisch, er kenne niemanden, der etwas über die Geschichte der Nachbarschaft wüsste. Er schlug vor, wir sollten mit der Englischlehrerin der Schule um die Ecke herum sprechen.

Als er ging, erschien Frau Saam wieder. Wir erklärten ihr, dass wir beabsichtigten, die Englischlehrerin der Schule zur Hilfe zu holen. Aber zuvor wollten wir die Stelle finden, von der aus das Bild aufgenommen worden war. Als wir unseren Weg zurückgingen, deutete Frau Saam auf die vielen Häuser, die früher jüdisch gewesen waren. Sie kannte die Familie Levinstein nicht, wusste aber, in welchem Haus sich die Synagoge und die Schule befunden hatten, und glaubte, dass dies der von uns gesuchte Ort sein könnte. Er lag, um die Ecke herum, in der Ernst-Thälmann-Str., benannt nach dem Kommunistenführer, der im KZ Buchenwald gestorben war. Zuvor war diese Straße als Oberstadtstraße bekannt.

Das Haus war frisch gestrichen, in einem hellen Himmelblau. Geranien quollen aus Blumenkästen auf seinen Fensterbänken. Eine Verbindung zu der jüdischen Gemeinde oder Familie Levinstein war nicht mehr zu erkennen. “Hair & Beauty“  belegte den ersten Stock. Die großflächigen Schaufenster waren voller Photos schöner Frauen, gestylt mit den neuesten Haarpflegemitteln. Im Hinterhof reiften Äpfel an mehreren kleinen Bäumen. Hinter dem Garten mit den Obstbäumen befand sich ein kleine Fläche mit Rasen und von dort aus konnte man das Gebäude auf dem Photo sehen. Ich hielt den rissigen, vergilbten Schnappschuss auf Armlänge in die Höhe.Von der Stelle, an der Nina und ich jetzt standen, glich die Perspektive genau derjenigen, an der mein Vater und seine Mutter vor 70 Jahren gestanden hatten. Wir hatten endlich den richtigen Ort gefunden.

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The view of back garden in 2013. Credit: Meen

The view of back garden in 2013. Credit: Meen

 

Wir gingen zur Schule zurück und hofften die Englischlehrerin zu finden. “Kannst Du das begreifen?“, sagte Nina. Ich jedenfalls konnte es nicht. In einem Ort, in dem seit 54 Jahren kein Jude mehr gelebt hatte, war die Schule nach Anne Frank benannt worden. Frau Saam eilte in die Schule und kam nach wenigen Minuten mit Frau Kammbach, der Englischlehrerin, zurück. “Mein Mittagessen“, sagte diese und wies auf den Pfirsich in ihrer Hand. Es stellte sich heraus, dass sie eine Freundin der Familie von Frau Saam war.

Frau Saam führte uns um den Block. Im Eingangsbereich ihres Hauses gab es einen zusammenfaltbaren Rollstuhl. Das gewundene Treppenhaus wurde noch enger durch die sich kurvenreich windenden Metallschienen eines Handycap-Lift-Systems. Im dritten Stock stellte sie uns ihre 73-jährige Mutter, Waltraut Wilhelm, vor. Frau Wilhelm kam auf Krücken aus der Küche, drehte sich und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Wie ihre Tochter Ingrid sah auch sie fast aus wie aus dem Bilderbuch: rosige Wangen, schneeweißes Haar, ein breites, schönes Lächeln und intensiv strahlende blaue Augen. Ich begann mein Gespräch: „Mein Vater, mein Großvater, meine Großmutter aus Themar. Namen Levinstein.“

Frau Wilhelm nickte und begann zu erzählen und Frau Kammbach übersetzte. Frau Wilhelm erinnerte sich gut an die Familie Levinstein, wie sie uns sagte. Sie war jeden Tag an dem Haus in der Oberstadtstraße 17 auf ihrem Weg zur Schule vorbeigekommen. Sie war nie darin gewesen, aber sie glaubte, dass die Levinsteins im ersten Stock lebten, (wo jetzt „Hair & Beauty“ war), dass die jüdische Schule im zweiten Stock lag und der dritte Stock ein Gemeindezentrum war.

Sie beschrieb Dads Vater Moritz in Einzelheiten. Sie erinnerte sich an ihn als einen Mann mit dicken Brillengläsern und einem runden Gesicht – genauso wie er auf Fotos aussah. Sie erinnerte sich an Nanette, Dads Mutter,etwas genauer. Sie war „eine schöne Dame, eine feine Dame“, sagte sie.

Bald wurde der Strudel, den Frau Saam in der Bäckerei gekauft hatte, aufgetischt, zusammen mit etwas Gebäck. Kaffee und Tee wurden gereicht und wir saßen um den mit Spitzendecken geschmückten Tisch herum. Das Appartement war nicht geräumig, aber angefüllt mit Plüschsesseln, allen möglichen kleinen Gegenständen, Bilder von den Alpen, von Blumen und Tieren. Bis wir in ein paar deutsche Wohnungen eingeladen worden waren, war mir nicht bewußt gewesen, wie fremdartig und deutsch das Heim meiner Großmutter Nanette in Amerika gewesen war.

Wir erklärten Frau Wilhelm, dass der Grund für unseren Besuch in Themar war, diese kleine Stadt zu sehen, über die ich so wenig gehört hatte. Ich erläuterte, dass die Geschichte der Familie in Deutschland, so wie wir sie verstanden hatten, nicht sehr glücklich gewesen war, und daraus folgte, dass nur sehr selten darüber gesprochen wurde. Ich erzählte ihr und einer weiteren Tochter, Frau Goldschmidt, die dazugekommen war, dass Dad vor zehn Jahren gestorben war und seine Mutter fünf Jahre später. Es gab also wirklich niemanden mehr, der noch viel von der Geschichte kannte. Wäre sie bereit, uns zu erzählen, was sie wusste?

Frau Wilhelm begann uns zu erzählen, woran sie sich erinnerte. Sie war damals jung gewesen, gerade mal ein Teenager. Damals, sagte sie, gab es schon ein gewisses Maß an Begeisterung in Themar für die Nazis. Die Lebenssituation war schlecht gewesen und sie schien nun besser zu werden. Wie viele ihrer Freunde wurde sie von einer Woge der Begeisterung für etwas Neues davongetragen. Sie machte öfters eine Pause und schüttelte den Kopf, als ob sie sich fragte, wie sie als junges Mädchen von damals die Frau von heute sein konnte.

Sie wusste, dass Moritz im November 1938 während der sogenannten “Kristallnacht“ in Meiningen verhaftet worden war. Sie erinnerte sich, dass sie und ihre Familie überrascht waren, weil er in der Gemeinde beliebt war. Sie war mit ihrer Geschichte noch nicht sehr weit gekommen, als sie zu weinen begann. Ihre Augen, die so intensiv blau waren, schimmerten. Nachdem sie angefangen hatte zu weinen, fingen wir alle an zu weinen. Sie sagte, dass nicht lange nachdem sie gehört hatte, dass Moritz verhaftet worden war, die Nachricht die Stadt erreichte, dass er Selbstmord begangen hatte. Dass er auf dem Rückweg nach Themar aus dem Zug und in den Fluss gesprungen war.

Als Frau Wilhelm sah, dass Nina und ich weinten, erklärte sie, dass sie uns diese Geschichte nicht erzählt hätte, wenn sie gewusst hätte, dass diese uns so verstören würde. Aber sie dachte, dass es für uns gut wäre zu erfahren, was sie wusste, und dass sie deshalb zugestimmt hatte. Sie sagte, dass sie außer mit einem Nachbarn, der nun in Florida lebte, niemals mit irgendjemandem über das, was passiert war, geredet hätte – nicht einmal mit ihren Töchtern, die dabei saßen und mit uns weinten.

Wir erklärten ihr, dass das, was sie gesagt hatte, mehr oder weniger die Geschichte war, die ich zu Hause gehört hatte und die niemals von irgendwem bestätigt werden konnte. Wir erwähnten, dass es sehr ungewöhnlich für einen religiösen Juden wie Moritz gewesen wäre, sich selbst das Leben zu nehmen, wodurch es für die Leute zu Hause schwierig war, diese Geschichte zu glauben. Einige glaubten, dass er möglicherweise geschlagen und vom Zug aus in den Fluss geworfen worden war.

Sie dachte eine lange Zeit darüber nach. Sie erzählte, dass das Heim der Levinsteins, die Schule und die Synagoge sehr schlimm verwüstet worden waren. Dass die Geschichte in Themar umging, dass Herr Levinstein, der auf dem Weg nach Hause von der Zerstörung seines Tempels hörte,  darüber so erschüttert war, dass er sich das Leben nahm. Sie hatte nicht gewusst, dass er für mehrere Wochen nach Buchenwald gebracht und dann erst entlassen worden war. Sie hielt inne und dachte nochmals nach. Sie sagte, dass es niemals irgendwelche Leute gegeben hätte, die sich als Zeugen zu der Zugfahrt geäußert hätten. Nach einer langen Zeit, während der sie eine Pause machte und noch mehr Tränen wegwischte, sagte sie, ja, es könnte so gewesen sein, wie Sie sagen.

Wir wussten, dass es eine der Absichten der „Kristallnacht“ gewesen war, Juden so zu verängstigen, dass sie Deutschland verließen. Aber Frau Wilhelm sagte, dass Moritz` Tod in Themar nicht zu diesem Zweck genutzt wurde. Er war ein beliebter Mann. Sie meinte, dass es den Nazis nicht zum Vorteil gereicht hätte, mit einem Mord an ihm zu prahlen. Vielleicht war die Geschichte von seinem Sprung in den Tod verbreitet worden, um die Leute vor Ort ruhig zu halten.

Wir redeten über andere Dinge. Ich fragte sie, ob sie jemals etwas von einem „Dixie“ gehört hätte, einem Auto, von dem mein Dad erzählt hatte, dass es seinem Vater gehört hatte, wie ich mich erinnerte. Es war so klein, erzählte mein Vater, dass es manchmal umkippte, wenn es um eine Kurve fuhr.

Ja, ja, ja, sagte sie lachend, ihr Vater hatte ebenfalls so eins gehabt. Es war ein Zweisitzer, und eine dritte Person konnte im Kofferraum sitzen, sagte sie. Manchmal kippte es bei einer Kurve um, aber es war leicht genug, sodass man es einfach wieder aufrichten und weiterfahren konnte.

Wir waren bei fröhlicheren Themen angelangt und Frau Wilhelm begann zu gestikulieren als würde sie „Backe-Backe-Kuchen“ spielen. „Matze“, hörten wir sie sagen. Die Lehrerin erklärte, dass Frau Wilhelm sich daran erinnerte, dass Dads Vater besondere Kuchen herstellte, besonders rund um die Osterzeit. Nachdem ich das Wort übersetzt hatte, fragte Frau Kammbach: „Was ist Matzo?“

Ich fand es ein bisschen komisch, Geschichten aus der Bibel in einem christlichen Land nachzuerzählen. Wir erzählten, wie es zur Flucht aus Ägypten gekommen war und warum Juden Matze (gesäuertes Brot) während des Passahfestes essen und dass das Abendmahl („Last Supper“) in der Tat eine Seder-Mahlzeit gewesen sei. Ich erinnerte mich, dass mir ein Cousin einmal erzählt hatte, dass Dads Vater wegen der Herstellung der Matze nervös gewesen sei. Er hatte dies nicht als Einkommen angegeben und die Nazis hatten Druck gemacht, dass er nachzahlen müsste.

„Was passierte mit den anderen Juden, die in Themar geblieben waren?“, fragte Nina. Vor Hitler hatte es um die 35 jüdische Familien in Themar gegeben. Nicht alle waren gefangengenommen oder vertrieben worden. Sofort spiegelte Frau Wilhelms Gesicht ihre veränderte Stimmung wider. Ihr Gesicht verdüsterte sich.

Sie erzählte uns, dass im Jahre 1942 allen Juden befohlen wurde, sich um 8 Uhr morgens am Bahnhof zu melden. Sie erinnerte sich deutlich daran. Frau Kammbach fuhr fort zu übersetzen, aber kurz nachdem sie mit ihrer Geschichte begonnen hatte, fing Frau Wilhelm an zu weinen und mit den Händen über ihr Gesicht zu wischen, unfähig, weiter zu reden. Ihre Töchter links und rechts neben ihr versuchten sie zu trösten, aber sogar nach so vielen Jahren war es schwer für sie, das aus der Vergangenheit heraufbeschworene Bild zu ertragen.

„Was hat sie gesagt?“, fragte Nina. „Sie sagte, dass sie die Juden zum Bahnhof trieben, und das war sehr unerfreulich“, berichtete uns Frau Kammbach. „Da war eine jüdische Frau dabei, die beide Beine gebrochen hatte, und die Nazis haben sie… Hier hat sie aufgehört zu sprechen.“

Jemand von uns muss gefragt haben, wie es kam, dass Frau Wilhelm alles das sehen konnte und Frau Kammbach erklärte es uns. Frau Wilhelm hatte Kinderlähmung. Ihr Fenster lag zu der Straße hinaus, auf der die Menschen wie eine Rinderherde entlanggetrieben wurden. Gelähmt, unfähig ihre eigenen Beine zu gebrauchen, unfähig den Schauplatz zu verlassen, beobachtete sie, wie die Nazis die jüdische Frau mit den gebrochenen Beinen, die sich ebenfalls nicht selbständig bewegen konnte, schlugen.

Frau Wilhelm fuhr fort zu schluchzen. Die Schläge, deren Zeugin sie vor so vielen Jahren gewesen war, hatten sich in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Wir verbrachten drei Stunden an Frau Wilhelms Tisch. Während wir sprachen, hatte ihre jüngere Tochter den Bürgermeister in Marisfeld angerufen, um einen Besuch des Friedhofs zu arrangieren.

Wir fragten sie, ob sie den Film „Schindlers Liste“ gesehen hätten. Eine der Töchter hatte ihn gesehen, aber Frau Wilhelm selbst nicht. Sie glaubte nicht, dass sie den ganzen Film aushalten würde. Ihre Tochter hatte ihr den Inhalt erzählt, und das genügte ihr, sagte sie.

Bevor wir gingen, sprachen wir über die Veränderungen, die sie seit der Wiedervereinigung erlebt hatten. Auch sie hatten niemals geglaubt, dass so etwas passieren würde. Auch sie hatten eine ungeheure Freude empfunden, als ihr Land wieder zusammengefügt wurde. Frau Wilhelm sagte, als sie vor fünf Jahren zum ersten Mal die Alpen sah, sei dies eine der bewegendsten Erfahrungen in ihrem Leben gewesen.

Der Bürgermeister von Marisfeld hatte zugesichert, uns am folgenden Morgen zu treffen. An diesem Nachmittag war das Sonnenlicht so lieblich,  dass ich Nina vorschlug, trotzdem nach Marisfeld zu fahren, und sei es auch nur, um Fotos zu machen.

Die drei Meilen lange Fahrt verlief über eine kleine, zweispurige Straße, die nach jeder halben Meile eine 90-Grad-Kurve machte, während sie Wälder und Farmland durchquerte. Ein handgefertigter Wegweiser stand an der letzten rechtwinkligen Kurve genau vor Marisfeld. Ein hölzerner Pfeil deutete auf eine bewachsene unbefestigte Straße nach oben zum Jüdischen Friedhof.

Wie der Friedhof in Rödelsee nahm auch der in Marisfeld eine wunderschöne Stelle oberhalb der Stadt ein. Rinder grasten auf einer ausgedehnten Weide neben der Straße.

Es war die „goldene Stunde“ wenn die sinkende Sonne alles in ein tieferes rotes Licht taucht. Jemand hatte einen Holztisch und eine Bank direkt neben dem Zaun aus Holzpfählen aufgestellt und Zitterpappeln umgaben den kleinen Friedhof.

Der Friedhof war viel kleiner und besser gepflegt als der in Rödelsee. Das Gras war kurz und weich. Man konnte keinen lieblicheren, friedlicheren Platz finden als die Bank, von der aus man den Ort überblickte.

M. Levinstein grave

Henry Levinstein hat seinen Namen NICHT geändert; es war ein Fehler von dem Friedhof Steinschnitzer.

Die ungefähr 50 Gräber waren der Reihenfolge nach angelegt, vom ältesten bis zum zuletzt angelegten. Sie gingen mehrere hundert Jahre zurück und kamen zu einem abrupten Ende, ein wenig links von der Mitte in der ersten Reihe. Ohne hineinzugehen konnten wir den Namen auf dem letzten Grab, welches am nächsten zum Tor lag, erkennen. „M. Löwenstein“ war darauf zu lesen. Das war das Grab von Moritz. Irgendwann auf dem Weg nach Amerika war der Name zu Levinstein geworden. „Geboren 17. November 1884. Gestorben 6. Dezember 1938.“ [Anmerkungen: Henry Levinstein hat seinen Namen NICHT geändert; es war ein Fehler von dem Friedhof Steinschnitzer.] Weniger als einen Monat nach der Kristallnacht. „Die Liebe höret nimmer auf“, war auf dem Grabstein eingraviert. Mir wurde gesagt, dass dies eine altmodische deutsche Redewendung sei, aber ihre Bedeutung ist ewig. „Liebe dauert für immer“ oder „Liebe stirbt niemals“, hatte meine Großmutter geschrieben. „Es ist wie der Anfang vom Ende“, sagte Nina und meinte damit die verkürzte Reihe der Gräber, die mit Moritz endete.

Wir fotografierten und machten uns ein paar Notizen und fragten uns, warum man den Juden einen so schönen Platz für ihren Friedhof gegeben hatte. Möglicherweise hätten wir weitere Personen gefunden, die mehr gewusst hätten. Wir hätten fragen können, ob wir die örtlichen Archive  sehen dürften. Aber Frau Wilhelms Erzählung genügte uns. Wir hatten den Schmerz dieser Erinnerung gespürt. Wir empfanden nicht das Bedürfnis, noch tiefer nachzuforschen.

Wir waren ohne Plan nach Deutschland gekommen, ohne Reiseführer oder Wörterbücher und zu unserer Überraschung hatten wir viel mehr herausgefunden, als wir uns vorgestellt hatten. Unser unterschwelliger Zorn auf und Furcht vor den Deutschen hatte sich gelegt. Wir hatten einige der Spuren unserer lange verlorenen Verwandten aufgefunden.

Aber ich hatte noch einen weiteren Halt beabsichtigt. Nach seiner Verhaftung war Dads Vater nach Buchenwald gebracht worden. Erstaunlicherweise wussten wir nicht, wo es lag. Zu unserer Überraschung wussten es einige Deutsche, die wir fragten, ebenfalls nicht. Ihr Erstaunen warf für mich die Frage auf, an was man sich erinnert und was man vergessen oder niemals gelernt hat.

Buchenwald ist ein Vorort von Weimar, was, wie Themar, ebenfalls in Ost-Deutschland liegt. Die Fahrt dorthin war die reizvollste von allen. Irgendwann befanden wir uns 15 Meilen lang auf einem einspurigen Pfad, einem unbefestigten Waldweg. Wir hatten keine Ahnung, wo wir waren. Es gab keine Wegweiser und nur ein paar verlassene Gehöfte in dem dichten Wald. Während wir durch tiefe Radspuren und über scharfkantige Steinbrocken holperten, wiederholte Nina mehrmals, dass sie nicht glaubte, dass dies die richtige Straße für eine Frau, die im 5. Monat schwanger ist, wäre.

Nina hatte nicht nach Buchenwald fahren wollen. „Ich bin nicht sicher, ob ich das aushalte“, sagte sie. Aber ich wollte dorthin. Es schien der angemessene Weg zu sein, unsere Reise abzuschließen.

Die Straße nach Buchenwald selbst führte durch einen ausgedehnten einsamen Wald. Pfade, die vor vielen Jahren sich selbst überlassen worden waren, verschwanden im Unterholz und man fragte sich, wohin sie einst führten. Ein riesiges Denkmal im Sowjet-Stil, lediglich mit der Jahreszahl „1945“ geschmückt, ist das Erste, was man sieht.

„Was ist das?“ fragte Nina, als wir an einer Konstruktion in der Nähe des Besucherzentrums vorbeikamen. Es war das Nebengleis der Eisenbahn. Es bedurfte keiner Einbildungskraft, die Vorstellung von Zügen heraufzubeschwören, die hier anhielten und ihre Fracht ausluden.

Wir kamen gerade an, als die stündliche Filmvorführung begann. Um zehn Uhr am Morgen war der weite Zuschauerraum beinahe leer. Der Film war in deutscher Sprache, aber selbst ohne Erzähltext wäre er einfach zu verstehen gewesen. Es gab Szenen mit Eisenhower, Bradly und Patton beim Besuch des Lagers, Filmclips von amerikanischen Soldaten, die ihre Köpfe von dem Gestank wegdrehten, die leblosen Körper gestapelt wie gebündeltes Holz.

Zwei Deutsche Anfang 20 saßen hinter uns, ihre Beine auf der Sitzlehne in unserer Reihe. Sie waren beide Grunge-Rocker-Typen, zerlumpte Kleidung, fluoreszierende Haare, gepiercte und tätowierte Körper. Der Film lief noch nicht lange, als einer von ihnen einschlief. Zum ersten Mal, seit wir nach Deutschland gekommen waren, fühlte ich Wut in mir aufsteigen. Ein paar Minuten lang versuchte ich sein Schnarchen zu ignorieren. Ich konnte es nicht.

„Hey!“, schrie ich. „Dies ist kein Platz zum Schlafen. Wach auf!“ Er schüttelte sich wach, möglicherweise hatte er nichts von dem verstanden, was ich gesagt hatte, außer meinem Tonfall. Sie blieben für den Rest des Films und gingen dann. Unsere Blicke begegneten sich nicht.

Buchenwald war keines der Hauptvernichtungslager. Es war eine Durchgangsstation, eine industrielle Zone für Sklavenarbeit und ihre Verwalter. Bis zum Ende des Krieges waren dort 51.000 Menschen getötet worden, viele von ihnen, vielleicht die Mehrheit, waren keine Juden. Ende 1938 waren 10.000 jüdische Männer, die in der Kristallnacht verhaftet worden waren, nach Buchenwald gebracht worden, unter ihnen Dads Vater. Die meisten von ihnen wurden kurz danach wieder entlassen. Die systematische Auslöschung sollte erst in ein paar Jahren beginnen. Es war auf dem Heimweg, als Moritz‘ Leben endete.

Als wir die Filmpräsentation verließen, begannen Busse und Autos  den weiträumigen Parkplatz zu füllen. Ich war mir nicht sicher, ob überhaupt einer von uns wirklich den Rundgang durch das Lager machen wollte. Wie konnten wir diesen Ort, hoch oben auf einem Hügel, umgeben von dichten, stillen Wäldern, oberhalb einer Stadt, die berühmt war als eine der großen Zentren des deutschen Geisteslebens, mit der Vergangenheit in Übereinstimmung bringen? Wie konnten wir die wunderbaren Erfahrungen, die wir gemacht hatten, mit dem, was hier stattgefunden hatte, in Beziehung setzen? Warum waren wir überhaupt hier, fragte ich mich. Wir waren nicht nach Deutschland gereist, um es weiterhin zu hassen, sondern um zu versuchen, es zu verstehen. Was war also der tatsächliche Grund, nach Buchenwald zu kommen? Wir hatten die Filme gesehen, die Bücher gelesen, waren im Museum in Washington gewesen. Unsere Seelen bedurften keiner weiteren Reinigung.

Wir sahen, dass die beiden deutschen Punks in ihr Auto stiegen und wegfuhren. Sie gingen nicht durch die Tore des Lagers, über die die Worte „Jedem das Seine“ („Each to his own“) in Stahl eingehämmert sind. Sie beachteten nicht die Zeiger der Turmuhr, die für immer auf 3.15 Uhr nachmittags angehalten wurden, dem Augenblick, als die Amerikaner das Lager befreiten. Sie sahen nicht über die ungefähr 40 mit Kies bedeckten Rechtecke hin, die die Stellen markieren,  auf denen die Gefängnisgebäude damals standen. Wo Zigeuner, Kriminelle, Juden, Homosexuelle und anderes Treibgut des Lebens, was ausgebeutet und „gereinigt“ werden sollte, untergebracht waren. Sie gingen durch keines der beiden Gebäude, die auf dem Gelände übriggeblieben waren.

Das eine war ein Museum, was eine ausgezeichnete Chronologie des Dritten Reiches präsentierte – eine, die erklärte, wie es geschehen konnte, wie alle die verschiedenen „Spieler“, die es hätten verhindern können, zuließen, dass es passierte. Vielleicht hätten die Beiden nichts aus dem Museum gelernt oder sie hätten es vorgezogen, das, was dort so detailreich dokumentiert wurde, nicht zu glauben.

Aber es war das andere, kleinere Gebäude, was rechts vom Exerzierplatz lag, wo sie wirklich hätten hingehen sollen. Man lernte die Geschichte von Buchenwald durch die Atmosphäre dieses Gebäudes kennen, nicht durch die wenigen Hinweise an den Wänden. Am Eingang verwies eine kleine Plakette in den Landessprachen der großen Nachkriegsmächte darauf, dass dieses Gebäude, in Ermangelung von Gräbern, als letzte Ruhestätte für die Tausenden, die durch die Tür, durch die wir gerade im Begriff waren, einzutreten, hindurchgegangen waren, anzusehen. Die Besucher wurden gebeten, dies als eine Erinnerungsstätte zu betrachten. Es war das Krematorium.

Die ersten Räume waren nicht bemerkenswert und der Weg führte zurück nach draußen. Die Türen waren massiv und schlossen sich mit einer schweren, zügigen Bewegung. Es gab keine Richtungsanzeiger. Es gab nur einen einzigen Weg, dem man folgen konnte.

Nina blieb draußen, während ich zum Keller ging. Es war ein heißer Sommertag, aber als ich die wenigen Stufen hinunterging, vertrieb die durchdringende Kälte des dicken Betons die Hitze. In die Wände waren Haken eingelassen. Am Ende des Raums stand ein breiter Lastenaufzug, bereit für seine Fuhre. Ich rief Nina, sie solle herunterkommen. Wir waren allein. Keiner von uns beiden konnte die Kälte abschütteln. Es war diese Art von Kälte, die durch die Fußsohlen heraufzieht und durch die Knochen dringt. Vielleicht war dies für diejenigen, die hier durchgegangen waren, bedeutungslos geworden. Ich fragte mich, ob es im Winter überhaupt hätte kälter sein können.

Oben gab es keinerlei Beschreibungen oder Plaketten. Es gab keine historischen Fotos. Die vier Öfen mit ihren geöffneten Metalltüren, bereit beladen zu werden, ebenso wie der Aufzug, bereit zur Entladung, benötigten keine Erklärung. Zwischen den Öfen lagen ein paar verwelkte Blumensträuße. Es gab Ketten von winzigen Origami-Kranichen aus Papier. Nina und ich hatten solche zu Zehntausenden um das Hiroshima-Denkmal in Japan drapiert gesehen. Hier waren es viel weniger. Heutzutage ist Hiroshima eine riesige Industriestadt. Buchenwald ist ein kleiner Ort geblieben, in vieler Hinsicht immer noch in den Wäldern verborgen.

Wir standen allein in dem Raum. Wir sagten nichts. Es war ein solides, gutgebautes Gebäude und egal, welches Geräusch auch immer draußen gewesen wäre, es drang nicht bis hierher. Nina begann zu schluchzen, tiefe, erstickte Schluchzer, Tränen liefen im Innern ihres Halses herunter.

Draußen kamen wir am Denkmal für die jüdischen Opfer von Buchenwald vorbei, das auf Deutsch, Englisch und Hebräisch beschriftet war. „Für die Kinder, die noch geboren werden“, stand darauf.

Wir verließen Deutschland am selben Nachmittag. Wir waren dorthin gefahren und hatten vielleicht erwartet, eine Bestätigung für alle unsere Jahre voll schwelendem Zorn zu finden. Was wir fanden, war weit entfernt von dem, was wir uns vorgestellt hatten. Die Leute, die wir trafen – nachdenklich, betroffen, mitfühlend – brachten uns zum Nachdenken über unsere eigenen Vorurteile. Die nicht zielgerichtete Bitterkeit, die wir instinktiv gegenüber den Deutschen und allem, was Deutsch war, verspürt hatten, war vertrieben worden. Wir dachten nicht mehr länger an Deutschland als der Personifizierung von allem Bösen für heute und alle Zeiten, aber wir fragten uns, wie lange der Zorn über die Vergangenheit im Herzen zurückbleibt. Wir wissen die Antwort bis heute nicht. Wir wissen nur, dass für uns die Zeit kürzer ist, als wir gedacht hatten.