Sommer 1921 — Minni und Lloyd besuchen die Verwandte!

Wertheimer, Minna-1921

Minnie u. Lloyd, 1921

Am 3. März 1921 beantragte Minnie Marks einen Reisepass für sich und ihren 5 Jahre alten Enkelsohn, Lloyd Marx, um nach Deutschland reisen zu können. Wem galt der Besuch? Minnis drei Brüdern – Julius, Albert und Leopold – sowie Lloyds Großmutter väterlicherseits, Helene Marx.

Wertheimer, Minnie Marks 1921

Minnie Marks an U.S. Secretary of State, März 1921

Wie hätte Minnie damals ahnen können, dass fast einhundert Jahre später, dieser Reisepassantrag Historikern dabei helfen würde, die Geschichte von Mendel und Sarah, geb. Gutmann, Wertheimer — einer der Gründungsfamilien der jüdischen Gemeinde in Themar — zu erforschen, und dass die Kenntnis von dieser Familie dabei helfen würde, allgemein ein besseres Bild vom Leben der deutsch-jüdischen Familien in Thüringen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zu bekommen.

Wir hatten bereits schon früher von Minnie, bzw. Minna, wie sie in Deutschland hieß, gehört. Katharina Witter hatte Minna zusammen mit ihren Brüdern – Albert und Leopold Wertheimer — in die Datenbank für Auswanderungen aus dem Herzogtum Sachsen-Meiningen als Auswanderer aus Themar Anfang der 1880er eingetragen. Bei Siegfried Wolf Juden in Thüringen: Biographischen Daten 1933-1945 fanden wir außerdem den Hinweis darauf, dass die Eltern von Leopold Wertheimer, geboren im Jahr 1866, ,,Mendel Wertheimer und ? Gutmann” gewesen waren, allerdings werden hier keine Geschwister von Leopold erwähnt. Dafür findet man in Juden von Chemnitz von Jürgen Nitsche und Ruth Röcher einiges über die Familie Wertheimer: unter anderem steht da, dass die Familie aus Marisfeld stammte und ,,kinderreich gewesen war”. Außerdem wird hier suggeriert, dass Leopold, geboren im Jahr 1866, der Zwillingsbruder von Albert und ein Bruder von Adolf/Abraham gewesen war.

In der Hoffnung, uns ein besseres Bild von der Familie Wertheimer machen zu können, haben wir sämtliche Datenbanken und Literatur durchstöbert. Und wir hatten Erfolg: Jetzt können wir mit Sicherheit sagen, wer die fünf Kinder von Mendel und Sarah, geb. Gutmann, Wertheimer waren. Wir hoffen aber natürlich darauf, mit Hilfe von unseren Lesern, in der Zukunft noch viel mehr herausfinden zu können.

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Minna Wertheimer war die einzige Tochter von Mendel und Sarah, geb. Gutmann, Wertheimer. Sie kam im Jahr 1862 in Marisfeld zur Welt und war damit drei Jahre jünger als ihr Bruder Abraham – das älteste Kind von Mendel und Sarah. In den nächsten vier Jahren waren noch weitere drei Geschwister dazu gekommen: Julius, geboren im Jahr 1864, und die Zwillinge – Albert und Leopold – geboren im Mai 1866. Wir vermuten, dass die Familie Wertheimer nach Themar wegen der besseren wirtschaftlichen Situation in der größeren Stadt gezogen war. Die Zeit des Umzugs deckt sich aber auch mit der Zeit des großen Brandes in Marisfeld, wonach viele jüdische Familien das Dorf verlassen hatten.

Die Familie lebte in Themar bis in die 1870er Jahre. Dann, irgendwann nach dem Tod von Mendel im Jahr 1873, fingen die Kinder an, das Elternhaus zu verlassen und gingen entweder in die größeren Städte in Deutschland oder zogen in die USA.

Mina war achtzehn Jahre alt, als sie im Jahr 1880 als erste aus der Familie Deutschland verließ. Ihre 16-jährigen Zwillingsbrüder, Albert und Leopold, folgten ihr zwei Jahre später. Nach dem Tod von Sarah im Jahr 1885 war niemand mehr von der Familie in Themar. Abraham und Julius lebten in Magdeburg; Minna, Albert und Leopold lebten in New York.

Die „strategischen Umzüge“ der Familie Wertheimer waren sehr typisch für die jüdischen Menschen in Themar, bzw. die deutschen Juden aus kleineren Städten insgesamt. Zu der Zeit war es üblich aus kleineren in die größeren Städte umzuziehen, weil die sozioökonomische Situation in den größeren Städten viel besser gewesen war.

Wenn man sich die Umzüge der Familie Wertheimer aber genauer anschaut, wird noch mehr deutlich: Zum einen wollte, wie bei der Familie Gassenheimer auch, niemand von den Kindern in Themar bleiben. Zum zweiten war es ein Mädchen — das 17-jährige Mädchen, Minna — und nicht ein Junge — das als erste Deutschland verlassen hatte und sich in den USA niederließ. Ihre Zwillingsbrüder kamen erst zwei Jahre später, im September 1882, nach.

Was an der Geschichte aber wohl am interessantesten ist, ist die Tatsache, dass Albert und Leopold wieder nach Deutschland zurückkehrten, kurz nachdem sie im Oktober 1887 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatten. Warum wissen wir noch nicht.

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Ende der 1880er Jahre eröffneten die vier Wertheimer Brüder eine erfolgreiche Damenbekleidungsgeschäftskette in mehren Städten in Sachsen. Julius blieb in Magdeburg, Adolf zog im Jahr 1888 nach Chemnitz. Albert, der im Juni 1888 ebenfalls nach Chemnitz gezogen war, ging eine kurze Zeit später weiter nach Plauen. Leopold blieb bis zum Jahr 1906 in Chemnitz und zog erst später nach Zwickau, um dort sein eigenes Geschäft zu eröffnen.

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Minna blieb bis zum Ende ihres Lebens in Brooklyn, New York. Im Jahr 1886 heiratete Minna Lewis Marks und hatte mit ihm fünf Kinder (zwei der Kinder verstarben allerdings kurz nach der Geburt). Lewis Marks starb im Jahr 1908. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden mehrere Söhne von Minna in die amerikanische Armee einbezogen. Minnas älteste Tochter, Beatrice, starb im Jahr 1916. Sie hinterließ ihren Ehemann, Gustave Marx, der sich um das gemeinsame Baby, das im Juli 1915 geboren wurde, kümmerte.

Als Minna zu Besuch nach Deutschland kam, waren nur drei von ihren vier Brüdern am Leben. Abraham war im Jahr 1912 in Chemnitz gestorben. Albert lebte in Plauen, Leopold lebte in Zwickaus und Julius lebte in Magdeburg. Alle drei Brüder waren weiterhin im Bekleidungsgewerbe tätig, waren verheiratet und hatten Kinder.

Minnie und Lloyd traten ihre Reise am 11. Juni 1921 mit der Noordam an und kamen am 10. September 1921 wieder zurück. Wir hoffen, dass sie eine schöne Zeit in Deutschland gehabt hatten und sind sehr froh, dass sie auf diese Reise gegangen waren.ss noordam

An dieser Stelle möchten wir uns ganz herzlich bei Katharina Witter und ihren Kollegen vom Staatsarchiv Meiningen bedanken, dass sie die Liste der Auswanderer aus Sachsen-Meiningen zusammengestellt haben.

Hier finden sie die Nachkommenliste von der Familie Wertheimer und die Quellen, die wir in unserem Text verwendet haben.