Wie wir Julius Kahn gefunden haben

Siehe auch Julius Kahn 1896-1965.

Am 6. September 2010 waren es 70 Jahre her, seit die HMT Dunera den Hafen von Sydney in Australien angelaufen hatte. Das Schiff hatte damals etwa 2 000 jüdische Flüchtlinge an Bord, die vor dem Naziregime in Deutschland und Österreich geflüchtet waren. Es waren außerdem auch etwa 500 deutsche und italienische Kriegsgefangene auf dem Schiff. Den Namen „Dunera Skandal“ verdankt diese Schifffahrt der 8-wochenlangen Überfahrt von England nach Australien, auf der die Flüchtlinge fürchterlich behandelt wurden.

Quelle: National Archives of Australia.

Quelle: Roß in Nothnagel, Juden in Südthüringen, 1995. Julius Kahn „fand Zuflucht in England“ Der Eintrag über seinem Namen ist der Name seiner Nichte, Johanna Haaß. Im Jahr 1995 war ihr Schicksal noch nicht bekannt. Inzwischen wissen wir, dass sie und ihr Zwillingsbruder Günther den Krieg überlebt haben.

Wie wir aus den deutschen Dokumenten entnehmen konnten, wurde Julius im Jahr 1896 geboren. Er war ein Nachkomme von zwei Familien, die beide ihre Wurzeln in Themar hatten. Julius hatte drei Schwestern und fünf Brüder, sowie auch mehrere Neffen und Nichten. Wir wussten außerdem auch, dass zwei von Julius Brüdern, Friedrich Daniel und Leonard, im Ersten Weltkrieg gefallen waren. Es war bekannt, dass drei Familienmitglieder den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten, weil sie rechtzeitig emigrierten. Auch eine nichtjüdische Ehefrau und vier Kinder, die halbjüdisch waren, überlebten. Weiterhin fanden wir heraus, dass Julius von Deutschland nach England geflohen war. Mehr gab das deutsche Archivmaterial allerdings nicht her.

Aus diesem Dokument geht hervor, dass die Ehefrau von Julius, Therese Hutzler, hieß und dass das Paar zusammen zwei Töchter hatte. Nach weiterer Recherche haben wir leider herausgefunden, dass Therese und die Kinder im März 1942 nach Izbica deportiert wurden. Quelle: NAA: MP1103/2, E39864.] Source: NAA: MP1103/2, E39864

In dem Archivmaterial aus Australien haben wir dafür viel mehr Information gefunden. Jetzt wissen wir, dass Julius, wie sein Vater und sein Bruder Adolf, Metzgermeister war.

Wir wissen auch, dass Julius in den zwanziger Jahren nach Nürnberg zog, wo er Therese Hutzler heiratete, mit der er zwei Töchter hatte. Im Jahr 1939 verließ er Deutschland und ging nach England in der Hoffnung, dass Therese und die Mädchen ihm folgen würden. Allerdings wurden nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, alle Deutschen (sowohl die deutschen Christen, als auch die deutschen Juden) in Großbritannien zu feindlichen Ausländern erklärt.  Als im Mai 1940 dann die Panik ausbrach, dass Deutschland England angreifen könnte, wurde Julius verhaftet, ins Kitchener Camp geschickt und kam anschließend auf das HMT Dunera Schiff. Sogar als die englische Regierung im Jahr 1941 schließlich ihren Fehler erkannte und begann die Flüchtlinge zu repatriieren, wurde Julius nicht berücksichtigt. Oben auf der Liste standen Männer, die verheiratet waren und deren Familien sich ebenfalls bereits in England befanden. Julius Frau Therese und die beiden Töchter saßen unterdessen in Deutschland fest und wurden im März 1942 ins Ghetto Izbica bei Lublin deportiert. Aus den Dokumenten geht nicht hervor wann Julius von ihrem Tod erfahren hatte; es steht nur da, dass er im Jahr 1943 auf Bewährung frei gelassen wurde, nach dem Krieg in Australien geblieben ist und bis zu seinem Tod in 1965 in der Nähe von Sydney in Australien gelebt hatte.